29.12.2025 Anne-Marie Flammersfeld 2 min

Zwischen Weihnachten und Neujahr passiert ja mitunter viel Merkwürdiges. Nicht nur, dass die Zeit sich aufzulösen scheint, nein, auch die Menschen hetzen mit entschlossenen Gesichtern und vollen Einkaufstaschen durch die Gegend – als gäbe es einen Preis für „am schnellsten noch alles erledigt“. Drinnen stapeln sich Plätzchen, gute Vorsätze und leichtes Unbehagen darüber, dass man eigentlich etwas fühlen sollte. Besinnlichkeit zum Beispiel. Oder einen Moment zum Durchatmen, schliesslich geht das Jahr doch zu Ende, wenigstens sollte man dann doch Zeit zum Verschnaufen haben, oder? Für eine kurze Auszeit für Zwischendurch empfehle ich heute den Kleiderschrank. Ja, Sie haben richtig gelesen! 
 
Ein großer Kleiderschrank ist der perfekte Ort für Weihnachtsentspannung. Er ist dunkel, ruhig und riecht ein bisschen nach Mottenkugeln und vergangenen Wintern. Man kann die Tür schliessen, sich zwischen Winterjacken und alten Lieblingspullovern verstecken und für einen Moment einfach verschwinden. Während draussen alle kopflos durchs Jahr rennen, darf man hier drinnen einmal tief durchatmen. Mottenkugeln ein, Trubel aus.
Im Kleiderschrank lässt sich hervorragend innehalten. Man schaut auf das, was dieses Jahr neu dazugekommen ist: Erfahrungen, Begegnungen, vielleicht auch ein paar zusätzliche Kilos oder graue Haare. Und man bemerkt, wovon man sich – bewusst oder unbewusst – gelöst hat. Erwartungen, Menschen, Pläne, die nicht mehr gepasst haben. Das ist kein Drama, das ist schon in Ordnung. Wie beim Ausmisten: Nicht alles muss bleiben, nur weil es einmal da war.
Zwischen alten Mänteln und Schuhkartons wird plötzlich klar: Platz schaffen fühlt sich gut an. Nicht, weil sofort etwas Neues hineinmuss, sondern weil Raum entsteht. Für Ideen. Für Pausen. Für das, was irgendwann kommen darf – ganz ohne Zeitdruck.
 
Und bitte: alles nicht so überdramatisieren! Weder das Jahr noch den Jahreswechsel. Wer am 1. Januar nicht geschniegelt joggend durchs Dorf läuft, mit perfekt formulierten Zielen und einem Vision Board unterm Arm, hat nichts falsch gemacht. Gute Vorsätze sind keine Eintagsfliegen. Sie sind eher wie Zimmerpflanzen: Man giesst sie immer wieder. Und wenn man es mal vergisst, lebt die Pflanze meistens trotzdem weiter.
Wir haben 365 Tage im Jahr. Am 1. Januar liegen noch 364 davon vor uns. An jedem einzelnen darf man es wieder versuchen. Oder auch einfach mal lassen.
Vielleicht braucht es also gar keine grosse Neujahrsstrategie. Vielleicht reicht ein kurzer Besuch im Kleiderschrank. Tür zu. Atmen. Lächeln. Und dann, irgendwann, wieder raus – ein bisschen leichter als vorher.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Jahreswechsel!
 

Anne-Marie Flammersfeld

Anne-Marie Flammersfeld ist Diplom-Sportwissenschaftlerin, Personal Trainerin und hat einen BSc. in Psychologie. Sie hält einige sportliche Rekorde. So konnte sie 2012 als erste Frau der Welt alle vier Rennen der «Racing the Planet 4 Deserts Serie» gewinnen und lief 1000 Kilometer durch die vier grössten Wüste der Welt. Sie ist in 8h32 auf den Kilimanjaro gelaufen und konnte den damaligen Weltrekord um gute drei Stunden verbessern. Am Nordpol war sie auch und ihr Streckenrekord steht immer noch bereit, um eingeholt zu werden. Die 1978 geborene deutsche Sportlerin arbeitet mit ihrem Unternehmen all mountain fitness in St. Moritz und dem Engadin. Als Personal Trainerin ist sie für alle da, die etwas Nachhilfe in Sachen Bewegung brauchen! Aber immer mit einem Augenzwinkern. Sie hält regelmässig Vorträge zu Themen aus den Bereichen Motivation, Begeisterung und Grenzen überwinden.
www.allmountainfitness.ch
annemarieflammersfeld.blogspot.com