08.01.2026 Franco Furger 3 min
Foto: pixabay.com

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Neulich sass ich im Schrank. Denn ich habe mir den Rat meiner Blogger-Kollegin Anne-Marie Flammersfeld zu Herzen genommen: einfach mal in den Kleiderschrank zu steigen und inne zu halten. Bislang war ich ja wenig empfänglich für Flammersfeld‘sche Fitness- und Motivations-Tipps, aber einfach nur in den Schrank steigen – das schaffe ich. Tatsächlich hinein zu kommen und mich hinzusetzen, war dann gar nicht so einfach. Ich musste mich ziemlich zusammenbiegen, um in den Schrank zu passen und es zwickte mich im Lendenbereich. Ich muss wohl an meiner Beweglichkeit arbeiten, dachte ich. 

Ich sitze also so da und versuche mich zu entspannen. Doch die Lawinenschaufel drückt in den Rücken, während der linke Fuss im Velohelm steckt. Um mich abzulenken, zähle ich meine wenigen Hemden, die feinsäuberlich an Kleiderbügeln hängen, und frage mich, ob ich öfters eines anziehen sollte. Immerhin bin ich jetzt auch schon über fünfzig und ich sollte mich vielleicht mehr meinem Alter entsprechend kleiden. Also weg mit den alten Kapuzenpullis, die viel Platz im Schrank benötigen, und in neue, schicke Hemden investieren! Echt jetzt? Das muss ich mir noch überlegen … 

Mir fällt ein, dass wir den Schrank in einem Billigmöbelhaus gekauft haben, und ich bin mir plötzlich nicht ganz sicher, ob der Boden mein Gewicht auch tatsächlich hält. Ich versuch mich möglichst wenig zu bewegen und bin froh, dass ich mir keinen Festtagspeck zugelegt habe. Falls einer am Bauch hing, ist er nun bestimmt wieder weg. Denn ich habe gerade eine einwöchige Zwangsdiät hinter mir. Silvester und die ganze Neujahrswoche verbrachte ich nämlich mehr oder weniger krank im Bett, fiebrig und schlapp. Ernährt habe ich mich deshalb vorwiegend von Klebereis, gedämpftem Gemüse, Bananen und Kräutertee. 

Interessant nach so einer Kur ist, wie intensiv das gewohnte Essen und Trinken plötzlich schmeckt: Der Espresso, wahnsinnig bitter. Das Weihnachtsguetzli, viel zu süss. Das frische Brötchen vom Beck, äusserst salzig. Ich nehme mir vor, meine Geschmacksnerven besser zu pflegen und zu bewahren und sie – so gut es geht – nicht mit Salz, Zucker und Zusatzstoffen abzustumpfen, also bewusster zu essen. Der nächste Vorsatz. Schön.

Dann versuche ich mich darauf zu konzentrieren, was im alten Jahr alles gut lief, was mich erfreut hat und worüber ich dankbar sein kann: Meine Familie, Erlebnisse in der Natur, spannende Begegnungen, berufliche Erfolge. Doch so richtige, tiefe Freude kommt nicht auf, denn das junge Jahr hat bereits so viel Schweres und Schreckliches mit sich gebracht. Nachrichten zu lesen, ist in diesen Tagen unerträglich geworden, wie so oft, und ich fasse den Entschluss: News zu fasten. Wenn andere den Dry January machen, mache ich den newsfreien Januar – oder am besten gleich ein newsfreies Jahr. 

Ich sitze noch immer eingekuschelt im Kleiderschrank. Langsam komm ich zur Ruhe. Ich besinne mich an die gemütlichen Weihnachtstage zurück und merke, wie sehr wir Weihnachten brauchen – Hoffnung, Friede, Heilung, Liebe, Jesus. Jeden Tag von neuem.

Plötzlich kommt jemand ins Zimmer. Mein Sohn sucht mich, und für einmal sitze ich in seinem Lieblingsversteck und beobachte ihn zwischen dem Türspalt hindurch. Er ruft mich, also mache ich lustige Geräusche, um ihm auf die Sprünge zu helfen. Er kommt auf den Kleiderschrank zu und öffnet die Tür. Gefunden. 

Franco Furger

Franco Furger ist in Pontresina aufgewachsen und hat am Lyceum Alpinum Zuoz die Matura absolviert. Danach tourte er als Profi-Snowboarder um die Welt und liess sich zum Journalisten ausbilden. Er arbeitete als Medienkoordinator bei Swiss Ski, Redaktor bei der Engadiner Post und World Cup Organisator bei der Corvatsch AG. Im Sommer 2017 bloggte Franco über seine Erlebnisse als «Chamanna Segantini-Hüttenbub». Die Liebe führte ihn dann in die Stadt Luzern, wo er die Sonne und die Bündner Berge vermisste. Nun lebt er als freischaffender Texter mit Frau und Sohn in Laax.