Reinstechen, umschlagen, durchziehen, fallen lassen. Reinstechen, umschlagen, durchziehen, fallen lassen – und so weiter und so fort. Stoisch repetiere ich diese vier Handgriffe, während ich mit Stricknadel und Faden hantiere. Meine Finger schwitzen, das Garn ist bereits ganz feucht davon, und mit strengem Blick kontrolliert die Handarbeitslehrerin der vierten Klasse meine Arbeit. An diese zwei Stunden am Dienstagnachmittag erinnere ich mich, während ich nun wieder mit Nadel und Faden vor mir sitze. Dieses Mal jedoch deutlich lockerer: die Finger entspannt, der Alpakagarn schmiegt sich weich um meine Fingerspitzen.
Der Strick- und Häkelhype hat auch mich gepackt. Mein Social-Media-Feed ist voll mit Anleitungen, Garnempfehlungen und möglichen Farbkombinationen für das nächste Projekt. Und so verbringe ich meine Abende auf dem Sofa, eingewickelt in eine Decke, mit einer Tasse Tee neben mir und der jeweils aktuellen Arbeit auf dem Schoss. Sei es ein übergrosser Schal, den ich mir in den kommenden Wochen jeden Morgen um den Hals schlagen werde, um die Velofahrt bei tiefen Temperaturen ins Büro besser zu überstehen. Oder die erst kürzlich gestrickte weisse Balaclava – eine mützenähnliche Kopfbedeckung, die der nächste Trend sein soll, der ich nach einem Blick in den Spiegel jedoch noch etwas skeptisch gegenüberstehe.
In mühevoller Handarbeit hergestellt, offenbart sich bei genauerem Hinsehen ihre Geschichte: hier eine zu lockere Masche, da eine linke statt einer rechten, und der Rand, der von Hand etwas gedehnt werden musste, damit der Kopf überhaupt hindurchpasst. Doch genau das macht es aus. Die weite Masche erinnert an den einen Abend, an dem ich müde war und die Strickarbeit nach der zweiten Runde weglegte, um ins Bett zu gehen. Der ausgeweitete Rand zeugt von der ersten frustrierenden Anprobe, als die Mütze mir nur knapp über den Kopf passte und ich die letzten Reihen nochmals auftrennen musste, um das zu korrigieren.
Diese Erinnerungen trage ich also jeden Tag mit Stolz mit mir herum. Ich zupfe lose, nicht ganz sauber vernähte Fäden aus der Arbeit, wenn sie sich plötzlich lösen, und rege mich auch nicht darüber auf, dass der Hausschlüssel immer wieder aus der selbstgehäkelten Tasche fällt – nur weil sie sich nicht schliessen lässt, da ich zu wenig Wolle übrig hatte, um einen richtigen Verschluss zu nähen. Die Handarbeitslehrerin der vierten Klasse würde das wohl mit einem strengen Blick quittieren. Aber immerhin klebt kein Schweiss mehr an der gestrickten Arbeit.
Larissa Bassin
Larissa Bassin ist 26 Jahre alt und in La Punt Chamues-ch aufgewachsen. Die ehemalige Praktikantin der Engadiner Post wohnt und arbeitet in Zürich. Dabei entdeckte sie, dass sie wohl eher ein Stadtkind ist und schätzt das kulturelle Angebot, die Vielfalt der Menschen, die Anonymität, Abendverkäufe, das Nachtleben und kleine Cafés, die tatsächlich immer Hafermilch im Angebot haben. Nichtsdestotrotz zieht es sie gerade im Winter auf die Pisten, wofür sie die ein oder andere Vorlesung sausen lässt, oder sie wandert auf den Piz Mezzaun, wenn sie den Kopf lüften muss.

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