S. ist der Einzige, der meine Sätze auf die Tischplatte legt, und die Wörter in die richtige Reihenfolge bringt, sodass meine Sätze Sinn ergeben. Er sagt, ich habe Fortschritte gemacht. Ich vermute eher, dass wir uns aneinander gewöhnt haben.
Seine Konzentration reicht jeweils nur für ein paar Sätze. Dann verliert sich sein Blick in der Ferne, wo die Vergangenheit an ihm zerrt. Daher mag ihm meine krumme Sprache entgegenkommen. Sie hält ihn für einen Moment in der Rue de L’Evole im dritten Stock in einem Raum, wo die Bedeutungen noch nicht feststehen.
Alle Wohnungstüren im Hause sind immer einen Spalt breit geöffnet. Ich weiss nicht warum. Trotz offener Türen kommt es selten vor, dass Fremde in unseren Räumen stehen. Wenn Fremde kommen, dann schlafen sie in unseren Betten und essen von unseren Tellern, schliesslich war das Haus mal ein Hotel.
Im Moment schlafen zwei Tunnelbauer bei uns. Seit Tagen riecht das Wohnzimmer nach ihrem Waschpulver. Im Badezimmer fallen mir neuerdings auf dem Toilettenring dunkle Schamhaare auf. Der eine Tunnelbauer spricht eine noch unverständlichere Sprache als ich. Sein Kollege erinnert ihn daran, dass die Mademoiselle seine technischen Details nicht versteht. Die Männer zeigen mir auf ihren Handys Fotos ihrer Katzen.
Weil die Türen offen sind, bekommen auch meine Gedanken Beine. Sie entwischen mir, noch bevor ich sie buchstabieren kann. Bilder lösen sich sofort im Nebel auf, der den alten Mercedes S-Klasse vor dem Haus umhüllt. Der Nebel ist zuweilen so dick, dass er vom See hinauf durch meine undichten Fenster in mein Zimmer dringt. Ich höre die Tauben gurren, die in den Nischen der alten Turmmauer nisten. Mein Zimmer grenzt direkt an den Turm. Wenn es stark regnet, tropft es im Schlaf auf meinen Kopf.
Ich schlafe tief und fest, bis mir am nächsten Morgen die Katze ins Ohr schnurrt. Sie sucht immer wieder vergebens nach den Tauben. Wenn sie vor dem Fenster hochfliegen, weiten sich ihre Pupillen. Sie wüsste, wie das geht, das Jagen. Ihr Fell ist silbern und in ihren türkisfarbenen Augen spiegeln sich ganze Perser-Dynastien. Im Schlaf träumt sie meine Traurigkeit weg. Sie schläft sehr viel. Wenn sie erwacht, bin ich voller Liebe und kraule ihr seidenes Fell. S. sagt: «Du kommst bestimmt zurück. Du willst bei der Katze sein.»
Ich koche Mahlzeiten für S., damit er was zu essen hat, wenn ich in die Wüste gehe. Ich fülle die Mahlzeiten in Dosen und friere sie ein. Zwischen Rosenkohl und Tempeh verstecke ich Sätze, übersetzt in Texturen und Geschmacksnoten.
Ich habe noch nie eine Katze angefüttert, aber die Männer setzen sich gerne an meinen Tisch. Dabei setze ich ihnen niemals Fleisch vor. Natürlich koche ich auch für Frauen, aber die essen mit weniger Lust und fragen ständig nach dem Rezept.
Beim Kochen denke ich an meine Grossmutter, wie sie jeden an ihren Tisch bat, um einfach zu sein. Ich sehe sie vor mir, wie sie einen Keks mümmelt, während ich Zucker und Milch in den fruchtigen Tee gebe. Das Herdfeuer knistert und wahrscheinlich erzählt sie eine Geschichte von Tante Line. Ich weiss noch heute nicht, wer Tante Line war. Und wenn ich mich später auf den Nachhauseweg mache, sagt sie: «Ich bete jeden Abend für euch.»
Ich koche wieder für die Kinder in den Bergen. Ich koche Türme voller Gemüse und einen grossen Topf Polenta mit viel Käse. Wenn die Kinder mich im Dorf sehen, sagen sie «Chau». Ich bin gerne Teil ihrer Kinderwelt, in der ich nur für sie existiere, mit Kochschürze und Kochlöffel.
«Chi chi tschercha chatta», sagt die Frau, die ein Mädchen ist. Ihre Gedanken hängen in den Wolken. Mit dem Sprechen verschafft sie sich Gewicht, um nicht davon zu fliegen. Vom Wasserfall hat sie das Sprechen gelernt.
Der Junggeselle greift mit seinen Daumen die Hosenträger und geht einmal um mich herum und sagt: «Du sieht immer noch gut aus». Ich antworte: «Sag mir, wie’s deinem Esel geht.»
Ich lausche dem Plätschern des Dorfbrunnens. Ich war nie weg. «Glaubst du, man kann in zwei Welten parallel leben?», frage ich A. « Zum Glück können wir das», lacht sie, die schon so viele Welten erfunden und durchschritten hat.
Manchmal blinzeln ehemalige Staatsmänner in den tiefblauen Himmel zum Piz Ajüz hoch. Sie plaudern gerne, aber nie über Politik. Das würde ihre Rente gefährden. In diesen Himmel möchte der Künstler einen Glaspalast bauen, um Gott Tag und Nacht in die Augen zu schauen, um nicht zu sagen, um mit ihm auf gleicher Augenhöhe zu sein.
Die Zeitung entlässt ihre Zeitbeobachter, weil ihre Berichte keine Leserschaft finden. Durmis bain ihr kleinen Zeuginnen und Zeugen vom Gezwitscher zwischen Val Sinestra und Val Roseg. Der zeugenlose Schlaf gebärt neue Wirklichkeiten.
Die Skifahrer stolpern mit ihren Skischuhen über den Plaz und stampfen ein Loch in den Traum.
Ich falle, klammere mich noch an die letzten Wörter des Mädchens. Mein Blick sieht noch die Bergdohlen kreisen. Ich falle durch einen langen Schacht ins Unterland. Unten angekommen, begrüssen mich die Gäste aus der Rue de L’Evole. Sie haben sich Schnurrhaare geschminkt und rufen: «Mademoiselle, nous sommes contentes de vous voir.»
Es riecht nach Teer und ich sage: «Ihr dürft auch mein Waschpulver benutzen.» – «Auf keinen Fall», sagen sie und giessen Weichspüler in den Betonmischer.
Die Katze schnurrt mir ins Ohr. Der Regisseur schreibt, er habe den Film vom Brand des Grandhotels fertiggestellt.
Der Nebel lichtet sich. Die Sonne taucht die Gasse unter meinem Fenster in ein südliches Licht. Ich gefriere für S. den Satz ein: «Chi chi tschercha chatta.» Vielleicht ist er noch da, wenn ich aus der Wüste zurückkomme.
Hier finden Sie die Audio-Version des Textes, da Sätze dazu da sind, gesprochen zu werden...
Wenn Sie mir auf meiner Reise folgen möchten, finden Sie hier regelmässige literarische Berichte. Und hier können Sie sich für meinen Newsletter registrieren.
Seine Konzentration reicht jeweils nur für ein paar Sätze. Dann verliert sich sein Blick in der Ferne, wo die Vergangenheit an ihm zerrt. Daher mag ihm meine krumme Sprache entgegenkommen. Sie hält ihn für einen Moment in der Rue de L’Evole im dritten Stock in einem Raum, wo die Bedeutungen noch nicht feststehen.
Alle Wohnungstüren im Hause sind immer einen Spalt breit geöffnet. Ich weiss nicht warum. Trotz offener Türen kommt es selten vor, dass Fremde in unseren Räumen stehen. Wenn Fremde kommen, dann schlafen sie in unseren Betten und essen von unseren Tellern, schliesslich war das Haus mal ein Hotel.
Im Moment schlafen zwei Tunnelbauer bei uns. Seit Tagen riecht das Wohnzimmer nach ihrem Waschpulver. Im Badezimmer fallen mir neuerdings auf dem Toilettenring dunkle Schamhaare auf. Der eine Tunnelbauer spricht eine noch unverständlichere Sprache als ich. Sein Kollege erinnert ihn daran, dass die Mademoiselle seine technischen Details nicht versteht. Die Männer zeigen mir auf ihren Handys Fotos ihrer Katzen.
Weil die Türen offen sind, bekommen auch meine Gedanken Beine. Sie entwischen mir, noch bevor ich sie buchstabieren kann. Bilder lösen sich sofort im Nebel auf, der den alten Mercedes S-Klasse vor dem Haus umhüllt. Der Nebel ist zuweilen so dick, dass er vom See hinauf durch meine undichten Fenster in mein Zimmer dringt. Ich höre die Tauben gurren, die in den Nischen der alten Turmmauer nisten. Mein Zimmer grenzt direkt an den Turm. Wenn es stark regnet, tropft es im Schlaf auf meinen Kopf.
Ich schlafe tief und fest, bis mir am nächsten Morgen die Katze ins Ohr schnurrt. Sie sucht immer wieder vergebens nach den Tauben. Wenn sie vor dem Fenster hochfliegen, weiten sich ihre Pupillen. Sie wüsste, wie das geht, das Jagen. Ihr Fell ist silbern und in ihren türkisfarbenen Augen spiegeln sich ganze Perser-Dynastien. Im Schlaf träumt sie meine Traurigkeit weg. Sie schläft sehr viel. Wenn sie erwacht, bin ich voller Liebe und kraule ihr seidenes Fell. S. sagt: «Du kommst bestimmt zurück. Du willst bei der Katze sein.»
Ich koche Mahlzeiten für S., damit er was zu essen hat, wenn ich in die Wüste gehe. Ich fülle die Mahlzeiten in Dosen und friere sie ein. Zwischen Rosenkohl und Tempeh verstecke ich Sätze, übersetzt in Texturen und Geschmacksnoten.
Ich habe noch nie eine Katze angefüttert, aber die Männer setzen sich gerne an meinen Tisch. Dabei setze ich ihnen niemals Fleisch vor. Natürlich koche ich auch für Frauen, aber die essen mit weniger Lust und fragen ständig nach dem Rezept.
Beim Kochen denke ich an meine Grossmutter, wie sie jeden an ihren Tisch bat, um einfach zu sein. Ich sehe sie vor mir, wie sie einen Keks mümmelt, während ich Zucker und Milch in den fruchtigen Tee gebe. Das Herdfeuer knistert und wahrscheinlich erzählt sie eine Geschichte von Tante Line. Ich weiss noch heute nicht, wer Tante Line war. Und wenn ich mich später auf den Nachhauseweg mache, sagt sie: «Ich bete jeden Abend für euch.»
Ich koche wieder für die Kinder in den Bergen. Ich koche Türme voller Gemüse und einen grossen Topf Polenta mit viel Käse. Wenn die Kinder mich im Dorf sehen, sagen sie «Chau». Ich bin gerne Teil ihrer Kinderwelt, in der ich nur für sie existiere, mit Kochschürze und Kochlöffel.
«Chi chi tschercha chatta», sagt die Frau, die ein Mädchen ist. Ihre Gedanken hängen in den Wolken. Mit dem Sprechen verschafft sie sich Gewicht, um nicht davon zu fliegen. Vom Wasserfall hat sie das Sprechen gelernt.
Der Junggeselle greift mit seinen Daumen die Hosenträger und geht einmal um mich herum und sagt: «Du sieht immer noch gut aus». Ich antworte: «Sag mir, wie’s deinem Esel geht.»
Ich lausche dem Plätschern des Dorfbrunnens. Ich war nie weg. «Glaubst du, man kann in zwei Welten parallel leben?», frage ich A. « Zum Glück können wir das», lacht sie, die schon so viele Welten erfunden und durchschritten hat.
Manchmal blinzeln ehemalige Staatsmänner in den tiefblauen Himmel zum Piz Ajüz hoch. Sie plaudern gerne, aber nie über Politik. Das würde ihre Rente gefährden. In diesen Himmel möchte der Künstler einen Glaspalast bauen, um Gott Tag und Nacht in die Augen zu schauen, um nicht zu sagen, um mit ihm auf gleicher Augenhöhe zu sein.
Die Zeitung entlässt ihre Zeitbeobachter, weil ihre Berichte keine Leserschaft finden. Durmis bain ihr kleinen Zeuginnen und Zeugen vom Gezwitscher zwischen Val Sinestra und Val Roseg. Der zeugenlose Schlaf gebärt neue Wirklichkeiten.
Die Skifahrer stolpern mit ihren Skischuhen über den Plaz und stampfen ein Loch in den Traum.
Ich falle, klammere mich noch an die letzten Wörter des Mädchens. Mein Blick sieht noch die Bergdohlen kreisen. Ich falle durch einen langen Schacht ins Unterland. Unten angekommen, begrüssen mich die Gäste aus der Rue de L’Evole. Sie haben sich Schnurrhaare geschminkt und rufen: «Mademoiselle, nous sommes contentes de vous voir.»
Es riecht nach Teer und ich sage: «Ihr dürft auch mein Waschpulver benutzen.» – «Auf keinen Fall», sagen sie und giessen Weichspüler in den Betonmischer.
Die Katze schnurrt mir ins Ohr. Der Regisseur schreibt, er habe den Film vom Brand des Grandhotels fertiggestellt.
Der Nebel lichtet sich. Die Sonne taucht die Gasse unter meinem Fenster in ein südliches Licht. Ich gefriere für S. den Satz ein: «Chi chi tschercha chatta.» Vielleicht ist er noch da, wenn ich aus der Wüste zurückkomme.
Hier finden Sie die Audio-Version des Textes, da Sätze dazu da sind, gesprochen zu werden...
Wenn Sie mir auf meiner Reise folgen möchten, finden Sie hier regelmässige literarische Berichte. Und hier können Sie sich für meinen Newsletter registrieren.
Bettina Gugger
Bettina Gugger verbrachte die letzten Jahre im Engadin, zuletzt war sie Redaktorin bei der «Engadiner Post/Posta Ladina». Nun hat es sie wieder ins Unterland verschlagen. Sie ist redaktionelle Leiter vom Newsletter «cültür», der einmal wöchentlich das kulturjournalistische Geschehen über die Sprachgrenzen hinaus kommentiert. Zudem arbeitet sie als freie Kulturjournalistin für diverse andere Medien.
2018 erschien ihr Erzählband «Ministerium der Liebe». 2020 folgte «Magnetfeld der Tauben». Im Rahmen eines Stipendienaufenthaltes in Klosters entstand der Kalender «Kunst BERGen», der 24 literarische Texte über Kunst versammelt. Auf bettinagugger.ch veröffentlich sie regelmässig kurze lyrische Prosatexte und vieles mehr.

Diskutieren Sie mit
Login, um Kommentar zu schreiben