29.03.2026 Fadrina Hofmann 2 min
Die feierlich geschmückte Kirchentür in Scuol. Foto: Fadrina Hofmann

Die feierlich geschmückte Kirchentür in Scuol. Foto: Fadrina Hofmann

Diesen Sonntag werde ich vermutlich wieder ein Taschentuch brauchen. Dabei bin ich eigentlich nicht der Typ Mensch, der nah am Wasser gebaut ist. Aber bereits vor zwei Jahren, als mein Sohn konfirmiert wurde, berührte es mich zu meiner eigenen Überraschung, ihn als jungen Mann im Anzug durch den Mittelgang der Kirche entlangschreiten zu sehen. Obwohl mein Sohn schon damals zwei Köpfe grösser war als ich, wurde mir erst in diesem Moment bewusst, dass mein Junge jetzt kein Kind mehr ist, Und diesen Sonntag wird meine Tochter den gleichen Gang entlangschreiten. 

In allen Kulturen gibt es Rituale, die den Übergang vom Kind- zum Erwachsenen-Status markieren und gestalten. Jugendliche werden so in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen, und es wird ihnen eine Möglichkeit gegeben, herauszufinden, wo ihr Platz in der Gemeinschaft sein könnte oder sein wird. In Lateinamerika sowie in der Karibik gibt es beispielsweise die Quinceañera, eine traditionelle Feier am 15. Geburtstag eines Mädchens, die den Übergang von der Kindheit zur jungen Frau symbolisiert. In Tansania werden die jungen Männer der Massai beschnitten, sie übernachten in der Savanne und werden als neue «Kriegerklasse» in die Gemeinschaft aufgenommen. 

Mir gefällt diese Idee, dass eine Gemeinschaft einen jungen Menschen beim Übergang von der Kindheit ins Erwachsenensein begleitet. In der christlichen Tradition sind die Konfirmation und die Firmung solche Übergangsrituale. Eigentlich ist es schade, dass immer weniger Jugendliche sich konfirmieren lassen oder ein anderes Übergangsritual zelebrieren. Denn Rituale geben Halt und schaffen ein Zusammengehörigkeitsgefühl – völlig unabhängig von Religion, Ethnie oder Tradition. Wir jedenfalls werden auf einen neuen Lebensabschnitt anstossen, und ganz ohne Tränen der Rührung – die Gemeinschaft feiern.

Fadrina Hofmann

f.hofmann@engadinerpost.ch
Fadrina Hofmann ist seit 2023 Redaktorin bei der «Engadiner Post/Posta Ladina».

PS werden von den Redaktorinnen und Redaktoren der Engadiner Post / Posta Ladina geschrieben und erscheinen wöchentlich in der Samstagsausgabe der EP/PL.