«An all die Kinder, für die ich keine Worte fand. V.», so lautet die Widmung im Buch «Auf der anderen Seite der Brücke». Es sind jene Kinder, die Valentina Alvarez während ihres Auslandsaufenthalts 2022 in Cartagena in Kolumbien kennengelernt hat. Valentina Alvarez hat familiäre Wurzeln in Medellin. Ihr Vater ist Kolumbianer. Aufgewachsen ist sie aber in der Zentralschweiz und seit sie neun Jahre alt ist, lebt die Familie in St. Moritz, der Heimat der Mutter. Valentina hat das Gymnasium am Lyceum Alpinum in Zuoz besucht. In dieser Zeit hat sie auch zwei Mal am Schreibwettbewerb der «Engadiner Post» gemeinsam mit dem Autor Patrick Nussbaumer teilgenommen – und einmal sogar gewonnen. 
Dass sie für ihre Maturaarbeit ein Buchprojekt gewählt hat, kommt also nicht von ungefähr. «Ich schreibe seit meiner Kindheit Tagebuch und habe auch während meines Aufenthalts in Kolumbien fast jeden Tag meine Erlebnisse aufgeschrieben», erzählt sie. Nur an einem Tag habe sie gar nichts schreiben können – an dem Tag, als die Kinder ihre Geschichten erzählt und sie damit vor Entsetzen sprachlos gemacht haben.

Zwischen Reichtum und Armut
«In der Schweiz wachsen die Kinder in einer heilen Welt auf, vor allem im Engadin. In Kolumbien gibt es viel Armut und Gewalt», erklärt sie. Mit der Familie hat Valentina Alvarez das Heimatland ihres Vaters regelmässig besucht, aber sie kam nicht mit Elendsquartieren in Berührung. Während ihres Auslandaufenthalts in Cartagena war das anders. «Ich wohnte in einem Quartier zwischen einem reichen und einem armen Stadtteil. Morgens besuchte ich die Schule mit den reichen Mädchen, die Freizeit verbrachte ich mit Jugendlichen und Kindern der ärmeren Quartiere», erinnert sie sich. Diesen grossen Kontrast zu erleben, war für die junge Frau prägend.

Einmal in der Woche unterrichtete sie Kinder in einem Armenviertel. In diesem Zusammenhang erfuhr sie deren Lebensgeschichten, die sie auch zum Buch inspiriert haben. «Das Buch basiert auf wahren Begebenheiten und beinhaltet viele autobiografische Teile», verrät die Jungautorin. Und doch sei es eine fiktive Geschichte.

Eine herausfordernde Aufgabe
Im Buch wird die Geschichte von Catherine erzählt, die als Europäerin ihre Schwester in Kolumbien besucht, welche dort lebt. In Medellin, «zwischen roten Ziegeln und Wellblech, zwischen Tanz und Schweigen», begegnet sie Ivàn. Der junge Mann trägt zu viel Verantwortung und hat ebenso viel zu verbergen. Catherine verliebt sich in ihn. Und sie begegnet einem Kind, das sie mit seinem Blick nicht mehr loslässt...

«Auf der anderen Seite der Brücke» ist Liebesgeschichte und sozialkritischer Roman gleichermassen. «Während des Schreibprozesses war das Schwierigste für mich, dass ich aus dem Bauch heraus geschrieben habe und nicht geplant vorging», sagt sie. Am Ende alle losen Fäden zusammenzuziehen, das sei die grosse Herausforderung gewesen. Für sie habe das Schreiben auch eine therapeutische Wirkung gehabt, denn so habe sie das Erlebte nochmals reflektieren könne. 

Ein Buch, das in die Tiefe geht
Das Buch ist vor Kurzem im Rediroma Verlag in deutscher und in englischer Sprache erschienen. Es ist nicht explizit Literatur für junge Erwachsene, obwohl die Autorin noch so jung ist. «Die Liebesgeschichte steht nicht im Zentrum, sie weist vielmehr auf ein grösseres Problem in der Geschichte hin und verlangt eine gewisse mentale Reife», erläutert Valentina Alvarez. 

Die ersten Rückmeldungen auf das Buch sind positiv, doch da es gerade erst erschienen ist, haben noch nicht viele in ihrem Umfeld «Auf der anderen Seite der Brücke» fertig gelesen. «Aber das Interesse ist vorhanden», freut sie sich.  

Valentina Alvarez: Auf der anderen Seite der Brücke. 353 Seiten. Rediroma Verlag 2025.