«Mist, Mist, Mist». Sie steht vor dem Fahrplan an diesem gottverlassenen Bahnsteig und könnte sich ohrfeigen. «Nicht einmal umsteigen kannst du, du dumme Nuss», schimpft sie mit sich selbst. Statt durch den Tunnel in Richtung Heiligabend im Kreise ihrer Familie zu fahren, steckt sie jetzt am Bahnhof dieses Kaffs fest. Es schneit, der letzte Zug ist abgefahren, der Akku ihres Smartphones zeigt noch zwei Prozent an und bei dieser Kälte wird er bald ganz leer sein. Sie kramt in ihrer gro­ssen Tasche. Chaos pur herrscht darin. Ein Sinnbild für ihr aktuelles Leben, denkt sie bitter. Kein Ladekabel, das war ja klar. «Verflucht, kann nicht einmal einfach etwas gut laufen.» Sie überlegt kurz, ob sie tief durchschnaufen oder einfach losbrüllen soll. «Ahhhhhh». Der Frustschrei wird vom Schneetreiben gedämpft.

Viel vom Dorf sieht sie nicht vor lauter Schneeflocken. Sie googelt den Ortsnamen, flucht erneut. Nicht einmal ein offenes Hotel gibt es hier. Aber immerhin brennt noch Licht im Bahnhofsgebäude. Sie strafft ihre Schultern und stapft verdrossen durch den Schnee zur Eingangstüre. «Bistro», steht darüber. «Sehr originell», murmelt sie, bevor sie eintritt. Drinnen ist es wohlig warm. Vier Tische, eine lange Bank und Stühle, ein Tresen. Kein Wirt in Sicht.

Sie schält sich aus der Jacke, wobei der Brief aus der Jackentasche fällt und auf den Boden flattert. Dieser Brief. Ausgerechnet kurz vor Weihnachten eine Kündigung zu schicken, das grenzt an Grausamkeit, denkt sie, während sie sich nach dem Brief bückt. Dabei hätte sie es kommen sehen müssen. Das Unternehmen war schon lange in Schieflage. Die arme Rosa war in Tränen ausgebrochen, als auch sie ein Kündigungsschreiben erhielt. Als Alleinerziehende die Miete in dieser Hochpreisregion zu zahlen, war schon mit Vollzeitjob eine Herausforderung für sie. Wie ihre kleine Familie wohl diesmal Weihnachten feiern wird?

Auch sie weiss nicht, wohin sie jetzt gehen soll, aber immerhin ist sie nur für sich selbst verantwortlich. Sie wird schon eine andere Stelle finden, Fachkräfte sind überall gesucht. Es schmerzt sie aber, ihr geliebtes Bergtal, ihre Wunschheimat, verlassen zu müssen. Sie wird die Seen vermissen, die Wälder, die Menschen, die sie inzwischen ins Herz geschlossen hat.

Bevor ihr noch die Tränen kommen, steht sie auf. Sie geht zur Theke, blickt in die offene Küche hinein. «Hallo?» Ihr Ruf scheint ungehört zu verhallen. Langsam bewegt sie sich durch die Küche. Unaufgeräumt sieht es hier aus, als wäre die Küche fluchtartig verlassen worden. Plötzlich streicht etwas um ihre Beine. Sie schreit erschrocken auf. Doch es ist nicht die befürchtete Ratte, sondern ein fetter, roter Kater. Er schnurrt und schaut sie herausfor­dernd an. Sie bückt sich, um ihn zu streicheln. «Ah, du hast unseren Zorro schon kennengelernt», sagt plötzlich jemand hinter ihr. Sie macht einen Satz, dreht sich um.

Ein drahtiger Mann unbestimmten Alters steht vor ihr. Jeans, Flanellhemd, hochgekrempelte Ärmel, zerzaustes Haar, registriert sie kurz. «Ich ..., ähm, gibt es hier noch etwas zu trinken?» Er nickt. «Du kannst gerne den Rest des Glühweins austrinken, geht aufs Haus.» Sie blickt auf einen Topf mit roter Flüssigkeit, der noch auf dem Herd steht. Eigentlich mag sie dieses klebrige, süsse Zeug nicht, aber was soll’s. 

Während der Wirt das warme Getränk vor sie hinstellt, blickt sie zum Fenster hinaus. Das Schneetreiben hat etwas nachgelassen. Jetzt sieht man schemenhaft das Dorf: die dicken Steinmauern der Häuser, die kleinen Fenster, hinter denen teilweise Lichter brennen. Alles wirkt ruhig, abgeschlossen, als hätte das Dorf beschlo­ssen, für diesen Abend nichts mehr von der Welt zu wollen. 

Der Wirt ist wieder verschwunden. Sie sitzt da und weiss nicht, was sie jetzt machen soll. Das Display ihres Smartphones ist schwarz. Der nächste Zug fährt erst um 5.59 Uhr. Auf einmal steigt ein Lachen aus ihrer Kehle hoch. Da sitzt sie am späten Abend des 23. Dezember, mutterseelenallein, irgendwo in einem Bergdorf, kennt hier niemanden, hat keinen Job, bald wohl auch keine Bleibe mehr und weiss nicht einmal, wo sie diese Nacht verbringen soll. «Oh du Fröhliche», murmelt sie sarkastisch. Dann legt sie den Kopf auf den Holztisch und schliesst für einen Moment die Augen.

«Sind Sie mit dem Auto da?» Sie zuckt zusammen. Himmel, muss sich dieser Mann immer so anschleichen! Sie schüttelt nur den Kopf. «Bekannte im Dorf?« Abermals schüttelt sie den Kopf. «Oha.» Diesmal nickt sie. Der Wirt wischt stumm den Tresen und die Tische, bleibt schliesslich bei ihr stehen, nimmt einen Stuhl und setzt sich hin. 

Sie beginnt zu erzählen, trinkt den inzwischen kalten Glühwein, gestiku­liert, schimpft, bemitleidet sich selbst, lacht. Er fragt nicht, er hört einfach zu. Irgendwann hat sie keine Worte mehr, fühlt sich seltsam leer und doch befreit. Stille breitet sich im Raum aus. «Wir suchen jemanden», sagt er in diese Stille hinein. «Nicht für immer. Aber über den Winter. Jemanden, der hier Ordnung reinbringt, der da ist.» Sie blickt ihn an, glaubt, sich verhört zu haben. Dann lacht sie ungläubig. Doch er meint es ernst.

In dieser Nacht schläft sie auf der Wohnzimmercouch des Wirts und seiner Frau. Sie schläft tief und fest, traumlos. Am Morgen ist der Himmel klar. Die Berge leuchten im ersten Licht, die Landschaft ist weiss gezuckert, und der Bahnhof liegt still da. Der erste Zug ist schon längst abgefahren. Jede Stunde hält ein weiterer Zug. Doch sie bleibt. Sie hat noch keinen Plan für ihr Leben. Aber einen Schlüssel in der Tasche, eine Aufgabe für den Tag und einen Ort, an dem sie gebraucht wird.

Als sie an diesem Weihnachtsmorgen ihren ersten Kaffee hinter der Theke des Bistros vorbereitet, fällt ihr der Spruch auf dem Zuckersäckchen auf, den sie an den Rand des Kaffeetellers legt: «Manchmal endet eine Reise nicht dort, wo man ankommen möchte – sondern beginnt dort, wo man beschliesst zu bleiben.»

Text: Fadrina Hofmann
Foto: Mayk Wendt