Wenn Samuel Ikpefan über die Engadiner Loipen gleitet, wirkt nichts an ihm auffällig. Kein demonstrativer Ehrgeiz, keine lauten Gesten. Der Schritt ist ruhig, gleichmässig, fast unspektakulär. Es ist diese Unaufgeregtheit, die zu ihm passt – und die umso stärker wirkt, wenn man weiss, für welches Land er startet. Samuel vertritt Nigeria – im Langlauf. Eine Land ohne Schnee, ohne Loipen, ohne Tradition in dieser Sportart. Dass sein Weg ihn bis ins Oberengadin geführt hat, wirkt auf den ersten Blick wie ein Widerspruch. Für Samuel selbst aber ist es eine logische Konsequenz.

Früh gelernt, weit zu gehen
Aufgewachsen ist Samuel in Saint-Six, einem kleinen Dorf in der Haute-Savoie in Frankreich, nicht weit entfernt von Genf. Wie viele Kinder in Bergregionen, kam er früh mit dem Wintersport in Kontakt. Langlauf gehörte zum Schulalltag, zunächst als Pflicht, später als Wahl. Er mochte das Gefühl, sich wirklich fordern zu müssen. Bald folgte der Eintritt in einen Skiclub, dann die ersten Wettkämpfe, regionale Auswahlen. Eine sportliche Weiterentwicklung im Langlauf stand lange nicht im Fokus, denn er probierte vieles aus: Fussball, Schwimmen, Tennis. Erst mit der Zeit kristallisierte sich heraus, wo seine Stärken lagen. Auch ein Abstecher in den Biathlon folgte, doch die Entscheidung fiel rasch aus. «Ich bin kein Schütze», sagt er mit einem herzlichen Lachen, «aber Ausdauer – das ist mein Bereich.» 

Allein für sein Land
Der Entscheid, für Nigeria zu starten, war auch schnell gefallen: Nigeria ist das Heimatland seines Vaters und er der einzige Langläufer dieser Nation. Allerdings steht er sportlich weitgehend allein da und organisiert vieles selbst: Reisen, Übernachtungen, Anmel­dun­gen, Sponsorensuche. Unterstützung erhält er punktuell vom Nationalen Olympischen Komitee Nigerias, doch Winterdisziplinen haben dort keinen hohen Stellenwert. «Wenn du für ein kleines Land startest und kaum Startmöglichkeiten bekommst, bist du schnell unsichtbar», sagt Samuel. Das Etikett des Exoten begleitet ihn, auch wenn er es nicht sucht. Er nimmt es zur Kenntnis – und arbeitet weiter. Zwölf Weltcup-Starts führt Samuel mittlerweile zu Buche, dazu die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2022 in Peking – allerdings unter äu­sserst schwierigen Bedingungen während der Corona-Pandemie. Die Qualifikation für die Olympischen Winterspiele Milano–Cortina 2026 gelang ihm bereits an der WM in Trondheim Ende des letzten Winters. Die Spiele sind für ihn kein fernes Versprechen, sondern ein realistischer Fixpunkt. 

Arbeit, Arbeit, Training
Samuel lebt seit acht Monaten im Engadin. Davor war er etwa ein Jahr lang in Fribourg, seiner ersten Heimat in der Schweiz. Es ergab sich rasch die Möglichkeit, hierher zu ziehen – an einen Ort, den er von Trainingslagern und Wettkämpfen bereits gut kannte. Angekommen ist er in Maloja. Er arbeitet in einem Sportgeschäft in Zuoz, ist Langlauf-Instruktor und trainiert so oft es geht – am liebsten in der klassischen Technik. Das Leben im Engadin beschreibt er als intensiv, aber stimmig. Die Wege sind kurz, der Fokus klar. Die Wohnungssuche sei schwierig gewesen, die Lebenshaltungskosten hoch. Dennoch fühlt er sich angekommen. Er lernt Deutsch, spricht fliessend Englisch und Französisch und schätzt die Internationalität des Tals. «Hier bist du weit weg von vielem», sagt er. «Aber nah an dem, was für mich wichtig ist. Berge, Schnee, ein guter Langlauf-Spirit.» Der Blick richtet sich nun auf die kommenden Monate: Rennen laufen und Punkte sammeln, um an Weltcuprennen starten zu können, Formaufbau. Die Olympischen Spiele stehen am Horizont, ohne Pathos, ohne grosse Worte. Wenn Samuel Ikpefan über die Engadiner Loipen zieht, erzählt seine Geschichte weniger von Herkunft als von Konsequenz – und davon, wie weit man mit Ausdauer kommen kann.

Autorin: Sina Margadant
Foto: Samuel Ikpefan