Mit einem Zitat von Friedrich Dürrenmatt beginnt der Film «Herbstfeuer»: «Man kann die Wahrheit nicht ins Feuer werfen. Sie ist das Feuer». Es ist ein Zitat aus dem Roman «Durcheinandertal», in dem Dorfbewohner zuletzt ein Kurhaus anzünden. In Vulpera ist am 27. Mai 1989 das Grandhotel Waldhaus Vulpera abgebrannt. Die Ursache konnte bis heute nicht vollständig geklärt werden. Hat ein technischer Defekt den Brand ausgelöst oder war es doch Brandstiftung? Und falls ja, wer könnte das Hotel angezündet haben?
Regisseur Roman Vital lässt in seinem neuen Dokumentarfilm zwei Protagonisten auf Spurensuche gehen. Zum einen ist es Rolf Zollinger, der mit dem Brandfall nicht nur zum Hoteldirektor ohne Hotel wurde, sondern vor allem ein Getriebener. Die Frage, was damals geschehen sein könnte, hat ihn bis heute nicht zur Ruhe kommen lassen. Sein Büro gleicht einem Waldhaus-Schrein mit zahlreichen Dokumenten und originalen Gegenständen, die aus dem Hotel gerettet werden konnten. Sogar das Wanderschild, welches zum Hotel führte, steht in seinem Büro. Die zweite Hauptperson im Film ist Peter Lang, ehemaliger Kommissar der Kantonspolizei Graubünden. Er versprach Zollinger damals, dass er den Fall aufzuklären versuchen werde, wenn er erst einmal pensioniert ist.
Lose Fäden verknüpfen
Von der Kamera begleitet, beginnen die zwei älteren Herren, Indizien zu sammeln, mögliche Brandursachen und Täter zu durchleuchten, lose Fäden zu verknüpfen. Ihre Suche wird im Film mit historischen Aufnahmen ergänzt. Mithilfe von alten Fotos und Filmmaterial taucht der Zuschauer in eine Zeit ein, als Vulpera noch ein pulsierender Touristenort war, das Hotel voller Leben und sogar Vico Toriani mit «Buna saira, buona sera» dem Grandhotel ein Lied widmete. «Und Gast um Gast fährt ein ...». Originalsequenzen während des Brandes, aufgenommen von Radiotelevisiun Svizra Rumantscha und private Aufnahmen von Cla Vital und Karl Andersag zeigen das Ausmass der Verwüstung am Tag des Geschehens – und eine Moderatorin, die fassungslos vor den rauchenden Trümmern steht und sagt: «Ein bedeutendes Engadiner Bauwerk, welches unter Denkmalschutz stand, ist komplett zerstört.»
Im Film werden die Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft eingeblendet, und einige zentrale Sequenzen aus den polizeilichen Einvernahmen rekonstruiert. Namen und Details wurden im Film verändert. Dieses Material war für Zollinger und Lang neu, zumal die Staatsanwaltschaft Graubünden weder dem Hoteldirektor noch dem Kommissar Einblick in die Untersuchungsakten gewährte.
Ungereimtheiten und Widersprüche
Während der Recherchen stossen die zwei Protagonisten immer wieder auf Ungereimtheiten und Widersprüche, auf Spekulationen und Schweigen. Warum wurde der Bergsteiger, der Socken im Kofferraum hatte, die nach Benzin rochen, nicht genauer unter die Lupe genommen? Warum wurde die These von Zollinger, dass ein ehemaliger Mitarbeiter sich an ihm rächen wollte, nicht weiterverfolgt? Könnte der Eigentümer seine Finger mit im Spiel gehabt haben, weil grosse Investitionen bevorstanden - Stichwort «Warmsanierung». Und hat der Wildhüter doch mehr gesehen, als es auf den ersten Blick schien.
Der Bericht des Elektroinstallateurs zum Gebäudezustand, der zahlreiche elektrische Mängel im Haus festgestellt hatte, lässt aufhorchen, aber auch ein konkurrenzierender Hotelier mit Geldsorgen im Ort wirkt verdächtig. Mitten im Film fragt der Kommissar Zollinger plötzlich in die Stille hinein: «Rolf, hast du etwas mit diesem Brand zu tun?» Seine Frau Sally Zollinger meint in einer späteren Szene: «Dieser Brand war für Rolf sehr hart und er ist es immer noch, vor allem, weil auch er verdächtigt wurde.». Und dann betont sie: «Er hat das Hotel geliebt. Was hätte er davon gehabt, es abzubrennen? Nichts». Vielmehr scheint dieser 27. Mai 1989 ein Trauma beim Hoteldirektor verursacht zu haben, der sein späteres Leben und das seiner Frau bestimmt hat. Im Film wird dieser Aspekt auf einfühlsame Art gezeigt.
Eindrückliches Filmmaterial
Das Bestreben, die Wahrheit zu finden, treibt Zollinger seit bald 37 Jahren an. Nichts hat er unversucht gelassen, um dieser näherzukommen. Sogar eine Wahrsagerin und einen Pendler hat er – der sonst rationale Touristiker – hinzugezogen. Beide bestätigten ihm unabhängig voneinander, dass der Täter bei den Löscharbeiten vor Ort war und sogar auf Fotos von hinten zu sehen ist.
Im Film kommen zahlreiche Zeitzeugen zu Wort, vom damaligen Feuerwehrkommandant über den zuständigen Ermittler bis hin zu einem Naturfilmer, der den Ausbruch des Feuers beim Warten auf balzende Birkhähne auf der gegenüberliegenden Talseite entdeckte und so eindrückliches Filmmaterial für «Herbstfeuer» beisteuern konnte.
Ein Film, der nachhallt
Der ruhende Pol, der Mann, der sich nur auf Fakten verlässt, ist Peter Lang. Er ermittelt besonnen, reflektiert, mit einer gewissen Distanz. Die damalige Polizei und Staatsanwaltschaft erscheinen bei seiner sorgfältigen Arbeitsweise in ein schlechtes Licht gerückt. Die letzte Szene zeigt Peter Lang, der eine Schachtel voller Dokumente zurück zum Haus der Zollingers nach Vulpera bringt. Die beiden Herren haben die Wahrheit am Ende gefunden, allerdings eine andere, als sie sich erhofft hatten.
Mit tosendem Applaus hat das Publikum an der Weltpremiere von «Herbstfeuer» im Hotel Scuol Palace am Freitagabend den Dokumentarfilm zelebriert. Einem Film, der mit einer packenden Doppelgeschichte überzeugt, mit originellen Stilmitteln spielt und auch Raum für einen feinen Humor lässt. «Herbstfeuer» ist ein tiefgründiger Film, der nachhallt. In den animierten Gesprächen nach der Uraufführung fiel vor allem ein Wort besonders häufig: «aufwühlend». Noch heute, fast 37 Jahre nach dem Grossbrand, schwelt das Trauma «Waldhaus Vulpera» in der lokalen Bevölkerung. Ein kleiner Funke in Form eines Films scheint auszureichen, um die Flammen wieder auflodern zu lassen.
«Herbstfeuer» ist ab dem 5. Februar im Kino. Im Engadin ist der Film in Lavin, Scuol, Sent, Zuoz, St. Moritz und Pontresina zu sehen. Alle Infos zum Film und zu den Spielorten findet man unter: www.herbsfeuer.ch.
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