Nach dem Verkehrskollaps rund um den Automobilevent The I.C.E. 2025 standen die Verantwortlichen unter Zugzwang. Für die diesjährige Ausgabe auf dem gefrorenen St. Moritzersee wurde deshalb ein neues Verkehrskonzept erarbeitet. Im Zentrum standen drei Massnahmen: eine temporäre Fussgängerpasserelle beim Bahnhof, eine neue Taxi-Drop-off-Zone beim Bootshaus sowie zusätzliche Parkmöglichkeiten in St. Moritz und den umliegenden Gemeinden. Eine erste Bilanz nach dem Event fällt insgesamt positiv aus – ganz ohne Reibungsverluste ging es jedoch nicht.

Verkehr meist im Fluss
Oberstes Ziel des neuen Konzepts war, die Kantonsstrasse H27 durchgehend befahrbar zu halten und die Rettungsgasse zwischen Celerina, St. Moritz und Champfèr jederzeit sicherzustellen. «Diese beiden Hauptziele haben wir erreicht», sagt Markus Berweger von der ARX Gruppe AG, welche das Verkehrskonzept ausgearbeitet hat. Zwar habe es zeitweise sehr viel Verkehr gegeben, insbesondere am Samstagnachmittag und -abend, doch im Unterschied zum Vorjahr sei es nie zu einem vollstän­digen Stillstand gekommen. Auch aus Sicht der Gemeindepolizei St. Moritz wurde dieses Ziel mehrheitlich erreicht. Polizeichef Manuel Egger spricht von einem «positiven Fazit», weist jedoch darauf hin, dass bei einem gleichzeitigen Abstrom von rund 15 000 Personen vom Eventgelände Richtung Bahnhof und Parkhaus Serletta Staubildungen auf einer einzigen Talhauptstrasse kaum zu vermeiden seien.

Tatsächlich kam es im Dorfzentrum zeitweise zu stockendem Verkehr, insbesondere zwischen Schulhausplatz und Bahnhof. Betroffen davon war auch der öffentliche Verkehr. Diese Phase habe rund eineinhalb Stunden gedauert, sagt Berweger, und sei der einzige grössere Schwachpunkt gewesen. Insgesamt habe sich die Situation aber deutlich entspannter präsentiert als im Vorjahr, als der Verkehr zeitweise bis nach Samedan und Pontresina zurückgestaut war. 

Passerelle und Taxi-Drop-off
Eine der sichtbarsten Neuerungen war die provisorische Fussgängerpasserelle beim Bahnhof, welche Besucherinnen und Besucher direkt auf den Seeuferweg leitete. Ziel war es, Personenströme von der Kantonsstrasse fernzuhalten und gefährliche Querungen zu vermeiden. Laut Berweger habe diese Massnahme grundsätzlich funktioniert und den Verkehr spürbar entlastet. Dies sagt auch der Veranstalter. «Die Passerelle erwies sich sowohl für die ankommenden als auch für die abreisenden Besucher als sehr nützlich», so Luca Moiso, Leiter Infrastruktur und institutionelle Beziehungen bei The I.C.E. In Kombination mit der Sperrung der Unterführung habe sie wesentlich dazu beigetragen, ungeordnete Querungen zu reduzieren. 

Gleichzeitig zeigte sich aber auch, dass die temporäre Konstruktion bei sehr hohem Andrang an ihre Grenzen stösst. Insbesondere beim gleichzei­tigen Verlassen des Seeareals am Abend kam es zu Gedränge. «Die Bewältigung so intensiver Fussgängerströme bleibt eine grosse Herausforderung», so Moiso. Aus polizeilicher Sicht erschwerten zudem Ausweichbewegungen einzelner Besucher die Lenkung. «Wenn einige die Passerelle umgehen und die Strasse überqueren, folgen oft andere», sagt Egger. Und weiter: «Wir möchten unbedingt vermeiden, Verbote auszu­sprechen und allenfalls noch grössere Einschränkungen vornehmen zu müssen. Es liegt dann halt auch an den Besucherinnen und Besuchern selbst, sich entsprechend daran zu halten und den Anweisungen der Sicherheitsleute und der Organisatoren zu folgen.» Einig sind sich alle Beteiligten, dass bei einer Wiederholung mehr Personal nötig wäre. Berweger geht sogar noch weiter und sieht langfristig Potenzial für eine feste, breitere Passerelle, die nicht nur bei Grossanlässen, sondern auch im Alltagsverkehr Vorteile bringen könnte. 

Deutlich weniger umstritten ist die neue Taxi-Drop-off-Zone beim Segelclub. Taxis und Shuttlefahrzeuge konnten dort anhalten, um Gäste ein- und auszuladen, ohne den Verkehr bei der Zufahrt zum Parkhaus Serletta oder auf der Rampe zum See zu behindern. «Das hat sehr gut funktioniert», sagt Berweger. Für Moiso ist die Massnahme ein Beispiel dafür, wie eine gezielte Dezentralisierung der Verkehrsströme künftig weitergedacht werden könnte. Optimierungspotenzial sehen die Beteilig­ten höchstens im Detail, etwa bei der Wegführung oder der Distanz für die Gäste.

Parkierung und Ausblick
Rund 2100 Parkplätze standen in St. Moritz und in umliegenden Gemeinden wie Celerina, Pontresina oder Silvaplana zur Verfügung, teilweise mit Shuttle- oder ÖV-Anbindung. Beson­ders wichtig waren laut Berweger die zusätzlichen Flächen in St. Moritz selbst, etwa auf der Polowiese und der Zirkuswiese. «Sie halfen, den Druck aus dem Zentrum zu nehmen.» Weniger genutzt wurden hingegen weiter entfernte Parkplätze wie etwa derjenige in Surlej. «Je weiter weg ein Parkplatz ist, desto schwieriger wird es, die gewünschte Zielgruppe dorthin zu lenken», bestätigt auch Egger. Gerade das Autopublikum von The I.C.E. wolle möglichst selbst und nahe an den Event heranfahren.

In der Gesamtbetrachtung zeigte sich die Verkehrssituation deutlich weniger angespannt als im Vorjahr. Quartierparkierungen hätten zwar zugenom­men, jedoch in geringerem Ausmass. Auch präventive Massnahmen wie Staumeldungen im Radio hätten Wirkung gezeigt und einzelne Besucher dazu bewogen, ihr Auto früher abzustellen oder auf den öffentlichen Verkehr auszuweichen.

Ein weiterer Unterschied zu 2025 lag in der Zurückhaltung bei Nebenanlässen. Drittanlässe wurden dieses Jahr konsequent über den Veranstalter koordiniert. «Dadurch gab es deutlich weniger Trittbrettfahrer», sagt Egger. Dies habe das Dorfzentrum zusätzlich entlastet und die Verkehrsströme besser kontrollierbar gemacht. Unter dem Strich ziehen alle Beteiligten ein posi­tives Fazit. «Alles in allem hat das Konzept funktioniert», sagt Berweger, betont aber, dass bei Grossanlässen dieser Dimension immer ein Restrisiko bleibe. Auch die Gemeindepolizei zeigt sich zufrieden, verweist jedoch auf offene Punkte bei der Fussgängerlenkung und der Nutzung von Park-and-Ride-Angeboten. Nachgespräche mit allen Partnern seien bereits vorgesehen.

Aus touristischer Sicht überwiegen ebenfalls die positiven Aspekte. «Trotz erhöhtem Verkehrsaufkommen haben die Massnahmen zur Verkehrslenkung insgesamt Wirkung gezeigt», sagt Marijana Jakic, CEO von St. Moritz Tourismus. Für künftige Austragungen sieht sie Potenzial in einer noch früheren Kommunikation, einer verstärkten Nutzung des öffentlichen Verkehrs und einer weiter optimierten Besucherlenkung.

Autorin und Fotos: Sina Margadant