Die Nachricht, den Bündner Literaturpreis 2026 gewonnen zu haben, war für Begoña Feijoo Fariña ein emotionaler Moment. «Ich habe ein paar Tränen vergossen», erzählt die Autorin lachend. Als Schriftstellerin hoffe man stets, für ein Werk ausgezeichnet zu werden und nun – mit ihrem vierten Roman – sei es endlich so weit gewesen. Den Bündner Literaturpreis 2026 erhält die in Poschiavo wohnhafte und dort auch eingebürgerte Galizierin für das Buch «Come onde di passaggio».

Die Geschichte spielt in Genua und beginnt wenige Tage vor dem Einsturz der Morandi-Brücke am 14. August 2018. Es geht um das Leben von fünf gewöhnlichen Menschen, die nichts von der Tragödie ahnen, die sich in Kürze in der Stadt ereignen wird. Die Autorin lässt die Lesenden in den Alltag dieser Figuren eintauchen. Sie alle leben ihr Leben mit unerfüllten Träumen, familiären oder wirtschaftlichen Sorgen.

Die Geschichte nimmt an Tempo zu
«Ich habe versucht, einen bestimmten Rhythmus in die Erzählung einzubringen, welcher sich ab einem gewissen Zeitpunkt beschleunigt, bis sich die Lebenswege der Protagonisten an einem bestimmten Punkt annähern», erzählt sie. Während am Anfang die Erzählung in Tagen eingebettet ist, wird die Geschichte am Ende von Minute zu Minute geschildert, bis die Brücke um 11.36 Uhr einstürzt. Im Gegensatz zu den Protagonisten der Erzählung ist sich die Leserschaft von Anfang an bewusst, dass die Katastrophe naht, was die Spannung in der fiktiven Geschichte wachsen lässt.

Der Schock sass tief
Als die Brücke in Genua einstürzte, weilte Begoña Feijoo Fariña gerade mit ihrem Mann in den Ferien in Italien. Beinahe wären auch sie am Unglückstag über diese Brücke gefahren, doch sie änderten die Reisepläne kurzfristig. «Nach der Schreckensnachricht sass der Schock tief, denn wir hätten ebenfalls unter den Opfern sein können», sagt sie rückblickend. 43 Menschen kommen ums Leben. Danach habe sie den Entschluss gefasst, darüber zu schreiben, was der Stadt passiert war, nicht den Opfern.

«Ich wollte zeigen, welche Auswir­kungen eine solche Nachricht auf das Leben von einzelnen Menschen und einer Gemeinschaft haben kann», erklärt Begoña Feijoo Fariña. Sie habe bewusst Figuren gewählt, die jeder und jede von uns darstellen könnte. Im Roman «Come onde di passaggio» (Wie Wellen auf der Durchreise) geht es am Ende um die Botschaft: Jedes Leben ist wertvoll.

Eine präzise Sprache
Wie die Jury des Bündner Literaturpreises in einer Medienmitteilung schreibt, regt Begoña Feijoo Fariña zum Nachdenken über die Zerbrechlichkeit des Menschen an und dazu, «uns zu fragen, was für jeden Einzelnen wirklich zählt». Ihr gelinge dies mit der Beschreibung verschiedener Lebensrealitäten, die repräsentativ seien für das heutige Italien. Die Jury lobt die präzise Sprache, die Einbettung der Geschichte und die gelungene Erzählstruktur. «Ihr Buch ist eine literarische Einladung, auch mit unserem eigenen Leben ins Reine zu kommen», so das Fazit.

In Poschiavo die Heimat gefunden
Begoña Feijoo Fariña wurde 1977 in Vilanova De Arousa in Galicien (Spanien) geboren und lebt seit 36 Jahren in der Schweiz, zunächst im Tessin, seit zehn Jahren in Poschiavo. Sie studierte Biowissenschaften und widmete sich dem Studium der Insekten. In der Valposchiavo ist sie als engagierte Kulturfrau bekannt. Sie schreibt, sie macht Theater und sie organisiert jedes Jahr das Literaturfestival «Lettere dalla Svizzera alla Valposchiavo».

 «Für mich ist der Bündner Literaturpreis eine sehr wichtige Auszeichnung, denn ich lebe schon fast mein ganzes Leben in der Schweiz, habe in Poschiavo meine Heimat gefunden, und diese Auszeichnung ist für mich wie eine Bestätigung, dass ich heute Bündnerin bin», sagt die Schriftstellerin.

Die Preisfeier findet am 18. Juni um 18.00 Uhr in der Casa Torre in Poschiavo statt.