Noch ist es dunkel, als sich die Delegation aus St. Moritz am Bahnhof versammelt. Vertreterinnen und Vertreter aus Hotellerie, Gastronomie, Sport, Politik, Tourismusorganisation und Medien folgen der Einladung von St. Moritz Tourismus zum Olympia-Super-G nach Bormio. Trotz etwas Neuschnee auf dem Berninapass verläuft die Anreise reibungslos: Mit dem Kleinbus geht es nach Tirano, wo bereits mehrere Olympia-Shuttles auf Besucherinnen und Besucher aus aller Welt warten – Privatautos oder Fahrdienste haben während der Spiele keinen Zutritt nach Bormio.

Kurz vor 10.30 Uhr, nach knapp drei Stunden Fahrt, trifft die Delegation ein und gönnt sich erst einmal einen Kaffee. Die ersten intensiveren Gespräche entstehen fast automatisch: Man wundert sich über den geringen Verkehr, ist leicht überrascht über die Pünktlichkeit – und macht das, was Engadiner so machen: übers Wetter reden. Bei der Ankunft ist das Tal noch wolkenverhangen, doch pünktlich zum Rennstart kommt die Sonne.

Schweizer Jubel auf der Tribüne
Oben auf der Tribüne eröffnet sich eine freie Sicht auf die Strecke. Um Punkt 11.30 Uhr startet der Super-G, alle Augen richten sich auf die Ziellinie und den grossen Bildschirm im Gegenhang. Man spricht über Favoriten und hofft auf eines dieser besonderen «Olympia-Märchen». Dass ausgerechnet an diesem Tag ein solches Realität wird, damit rechnet am Morgen wohl niemand Mit Startnummer 7 stürzt sich Franjo von Allmen auf der legendären Pista Stelvio ins Rennen und krönt sich zum Olympiasieger – bereits zum dritten Mal an diesen Spielen. Noch nie hat ein Schweizer Skifahrer drei Goldmedaillen bei Olympischen Spielen gewonnen; von Allmen gelingt dies gleich bei seiner ersten Teilnahme, im Alter von 24 Jahren. Mit Marco Odermatt auf Rang drei wird dieser 11. Februar 2026 endgültig zu einem «Olympia-Märchen». Die Freude ist entsprechend gross – bei Athleten, Fans und auch bei der St. Moritzer Delegation. In St. Moritz selbst durfte man in den letzten 100 Jahren ebenfalls solche Momente erleben: 1928 und 1948 bei Olympischen Spielen oder an einer der fünf alpinen Skiweltmeisterschaften. Durchatmen ist angesagt.

Abseits der Rennstrecke
Nach einem kurzen Mittagessen wechselt die Gruppe vom Adrenalin der Rennstrecke in ruhigere Gefilde. Nächster Programmpunkt ist eine Führung durch die Casa Braulio, jene Destillerie, die den berühmt-berüchtigten Verdauer herstellt – ein Getränk, das in jeder Schnapsbar und wohl in jedem zweiten Engadiner Haushalt zu finden ist. Seine Rezeptur bleibt seit über 150 Jahren ein gut gehütetes Geheimnis. Besonders beeindruckt die unterirdische Fässerlandschaft, die sich über zwei Etagen unter gefühlt mehreren Quartieren Bormios entlangzieht. Und sie sorgt für ein beruhigendes Gefühl: Eine Braulio-Knappheit im Engadin scheint vorerst ausgeschlossen. Ganz nach dem Motto: «Amaro Braulio: Essenza del tempo. Nato dalle montagne.» Viva!

Später bleibt Zeit für einen individuellen Rundgang durch die Gassen von Bormio. Ein Moment, um die olympische Betriebsamkeit aus Distanz zu betrachten. Doch am späteren Nachmittag ist im beschaulichen Altstädtchen weniger los als erwartet. Man begegnet sich wieder, tauscht Eindrücke aus und stellt gemeinsam fest: Ein bisschen mehr hätte man sich schon vorgestellt – schliesslich sind Olympische Spiele das Grösste, was der Sport zu bieten hat.

«House of Switzerland»
Der Abend steht ganz im Zeichen des Austauschs. Offizielle «House of Switzerland»-Treffpunkte waren ursprünglich nur in Mailand und Cortina geplant. Verschiedene Partner von Swiss Olympic – darunter St. Moritz Tourismus – setzten sich jedoch für eine Präsenz auch in Bormio ein. Entstanden ist ein kleinerer, aber lebendiger Treffpunkt, der Athletinnen und Athleten, Funktionäre und Gäste zusammen­führt.

Die beiden Medaillengewinner von Allmen und Odermatt lassen sich ebenso blicken wie zahlreiche Mitglieder des Swiss-Ski-Staffs und weitere Partner. Gespräche entstehen beinahe von selbst – zwischen Branchen, Generationen und Rollen, die im Alltag selten einen ganzen Tag miteinander verbringen. Genau darin liegt für viele der Wert des Ausflugs: im Austausch über Projekte, Ideen und die Zukunft des Tourismusstandorts.

Als die Gruppe kurz vor Mitternacht nach St. Moritz zurückkehrt, wirkt der Tag noch nach. Ein Olympia-Super-G mit Schweizer Triumph, Eindrücke hinter den Kulissen und zahlreiche neue Kontakte – ein Erlebnis, das weit über das sportliche Resultat hinausreicht. Und vielleicht auch schon ein paar Weichen gestellt hat – mit Blick auf die Zukunft. Oder, wie sagt man in Bormio: «Essenza del tempo. Nato dalle montagne.»

Autorin und Fotos: Sina Margadant