Mit der Frage «Was ist eine schöne Landschaft?» eröffnete Marcel Hunziker, Leiter der Forschungsgruppe Sozialwissenschaftliche Landschaftsfor­schung an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) bei Zürich, seinen Vortrag. Die Antwort fiel komplex aus: Landschaft existiert gemäss Hunziker nur durch Wahrnehmung. Entsprechend befasst sich die Forschung weniger mit objektiven Messwerten als mit individuellen und kollektiven Bewertungen. Diese beruhen zwar auf methodisch fundierten Erhebungen, lassen aber bei der Interpretation gro­ssen Spielraum. Gefragt ist interdisziplinäres Wissen aus Soziologie, Psychologie, Kultur- und Ver­haltensfor­schung.

Anhand verschiedener Studien zeigte Hunziker auf, wie unterschiedlich Landschaften wahrgenommen werden. Im gesamtschweizerischen Vergleich schneidet Graubünden beson­ders gut ab, vor allem das Unterengadin. Generell werden strukturreiche Berglandschaften bevorzugt. Fachleute bewerten ökologisch vielfältige Landschaften deutlich positiver als Laien, die auch monotone Wiesen als attraktiv empfinden.

Identität stärker als Information
Ein Forschungsschwerpunkt betrifft die Frage, ob sich Wahrnehmung gezielt beeinflussen lässt. Information allein habe begrenzte Wirkung, erklärte Hunziker. Deutlich stärker sei der Einfluss über Identität und Vorbilder. Analog zur Werbung könnten identifikationsstiftende Personen Einstellungen nachhaltiger prägen als reine Wissensvermittlung.

Zur Erklärung von Wahrnehmungsunterschieden bei Landschaftsveränderungen stellte Hunziker ein Modell mit drei Ebenen vor: individuelle, kulturelle und universelle Präferenzen. Diese Vielfalt erkläre sowohl überraschende Übereinstimmungen als auch grosse Unterschiede in den Bewertungen. Studien zeigten, dass die wahrgenommene Landschaftsqualität in regionalen Naturpärken zwischen 2010 und 2020 stärker zunahm als ausserhalb, obwohl sich die Landschaft objektiv vielerorts verschlechtert habe. In der Diskussion wurde die starke Gewichtung subjektiver Wahrneh­mung kritisch hinterfragt. Hunziker hielt dagegen, Landschaft lasse sich ohne das Urteil der Menschen nicht bewerten. Objektive Naturwerte müssten jedoch stets mitgedacht werden. Weichen beide stark voneinander ab, könne Akzeptanz durch gezielte Kampag­nen verändert werden – wie das Beispiel Totholz zeige. 

Autor: David Jenny/ep
Foto: David Jenny