Im Speakerturm auf dem gefrorenen St. Moritzersee hat Markus Monstein definitiv den Platz mit der besten Aussicht. Von hier aus sieht er auf die gesamte Rennbahn, unterstützt von einem TV-Monitor und seinem Feldstecher. Markus Monstein ist seit 25 Jahren Speaker an verschiedenen Pferderennen in der Schweiz. Den White Turf bezeichnet er als «das schwierigste Rennen», je nach Licht- und Schneeverhältnissen. An diesem zweiten Rennsonntag scheint die Sonne am stahlblauen Himmel so stark, dass ohne Sonnenbrille nichts geht. Es gibt wohl schlimmere Arbeitsorte. Allerdings ist im Gegenlicht aus der Ferne schwer auszumachen, welches Pferd führt oder aufholt. Da hilft der Spickzettel mit Namen der Pferde, Trikotfarben und je nach Rennen Fahrer wenig.
Erschwerte Bedingungen
Es ist kurz nach Mittag, die Menschenmenge auf dem See wächst kontinuierlich. Alle geniessen das Flanieren, essen und trinken bei milden Frühlingstemperaturen. Für die Rennstrecke sind die hohen Temperaturen weniger gut. Je weicher die Bahn, desto unsicherer für die Pferde und Fahrer. Wie am ersten Rennsonntag war am zweiten Rennsonntag des White Turf im Bad-Bogen aus Sicherheitsgründen eine Anpassung nötig, es muss wieder innerhalb der ursprünglich vorgesehenen Piste galoppiert oder getrabt werden. Die eigentlichen Innenrails werden zu Aussenrails. Das Oval wird dadurch etwas kürzer. Ausser für Skikjöring und Sprint wurden die Startstellen wieder entsprechend verlegt. «Wegen der Änderungen an der Linienführung gibt es somit für alle Rennen erschwerte Bedingungen», so Markus Monstein.
Er hat am White Turf gleich mehrere Hüte auf: Nebst seine Rolle als Speaker während des Rennverlaufs ist er auch Inhaber und Geschäftsführer der Rennsportplattform horseracing.ch. Online werden neben Wetttipps und Resultaten auch Bilder, Filme und Hintergrundartikel aufgeschaltet. Und schliesslich ist Markus Monstein Präsident vom Stall Allegra, der am White Turf gleich mehrere Pferde am Start hat.
Zweiter Sieg für Valeria Walther
Nachdem am ersten Rennsonntag gleich drei Siege des Allegra-Teams gefeiert werden konnten – darunter im Skikjöring mit der Pontresinerin Valeria Selina Walther und Pferd Almacado Gree – gibt es Hoffnung auf weitere Podestplätze. Doch zunächst ist für Markus Monstein Arbeit angesagt. Ausgerüstet mit Funk, Laptop, Mobiltelefon und Papierunterlagen bereitet er sich auf das Skikjöring-Rennen vor. Das Headset, das er normalerweise als Rennspeaker trägt, funktioniert an diesem Tag nicht, also muss ein Mikrofon her. In drei Sprachen kommentiert er das Geschehen vor Ort, wobei er während des Rennens Hochdeutsch spricht.
Und dann geht es schon los mit dem UBS-GP von Sils. Mit ruhiger Stimme kommentiert Markus Monstein den Start und den Rennverlauf. Erst kurz vor dem Ziel wird seine Stimme vor Aufregung lauter. Am Ende siegt das Pferd aus seinem Stall, Almacado Gree mit Valeria Selina Walther knapp vor Hasta La Vista mit dem Beverser Silvio Staub. «Valeria hat jetzt wenigstens eine Hand schon mal am Cup, aber es gibt noch einen dritten Rennsonntag, und wir freuen uns auf das Duell der Engadiner um den Königstitel», sagt der Speaker in das Mikrofon.
Kaum ist dieser ausgeschaltet, kommt der private Jubel. Und schon wird es wieder hektisch, denn Markus Monstein muss den Turm runtersteigen, um rechtzeitig bei der Siegerehrung zu sein, dort Fotos für seine Plattform machen, auf dem Podest die Glückwünsche inklusive Champagnerglas entgegennehmen.
Vom Speakerturm zum Podest
Auf dem Rückweg zum Speakerturm erzählt Markus Monstein vom Kauf des elfjährigen Almacado Gree, den er mittels Video-Studium eingeschätzt und ausgesucht hat. «Ich habe ihn gesehen und gedacht, der könnte zu uns passen, weil er eine enorme Ausdauer hat und nie aufgibt». Während er vom Pferd spricht, ist seine Begeisterung für diese Tiere und den Rennsport spürbar. Dass er die richtige Nase bei der Wahl des Sieger-Pferdes hatte, kommt nicht von ungefähr. Markus Monstein ist in Maienfeld aufgewachsen, dem Bündner Pferdemekka. Schon als Kind und Jugendlicher habe er die Pferderennen besucht. So sei er nach und nach in diese Szene hineingerutscht. Heute gilt er als ausgewiesener Experte im Pferderennsport. Seit Beginne des Jahres darf er als Speaker auf allen Deutsch-Schweizer Rennbahnen kommentieren.
Das Flachrennen um den GP Guardaval Immobilien La Punt Chamues-ch startet. Markus Monstein ist als Speaker in seinem Element, schildert Hintergründe zu Pferden und Fahrern, kommentiert die Auffälligkeiten, fiebert mit. Beim Zieleinlauf ist von Auge nicht sichtbar, wer gewinnt. Erst die Zielfotoauswertung gibt Aufschluss: Es ist wieder ein Pferd aus dem Stall Allegra, nämlich Beau Gars mit dem kirgisischen Reiter Turganaaly UUlu.
Und wieder heisst es: runter vom Speakerturm, rein in die Siegermanege und aufs Podest. Dazwischen muss er Hände schütteln, Telefonanrufe entgegennehmen und gleichzeitig bereit für das nächste Rennen sein.
Dreifach-Sieg für Stall Allegra
Der Stall Allegra wurde 1999 gegründet und ist mittlerweile die grösste Besitzergemeinschaft in der Schweiz. Viele Mitgründer sind oder waren Bündner. «Wir haben zwei Jahre gebraucht, bis wir das erste Rennen gewonnen haben, mittlerweile sind wir bei 379 Siegen», informiert Markus Monstein. Es sei eine Riesenfreude, mit so vielen Menschen dieses erfolgreiche Gemeinschaftsprojekt zu haben.
Am Trabrennen, wo es um den Preis Aston Martin geht, steht das nächste Pferd aus dem Stall Allegra am Start und Markus Monstein steht wieder auf dem Turm mit dem Mikrofon. Während des Rennens sieht es lange nicht danach aus, als ob der Dreifachsieg seines Stalls sich am zweiten Rennsonntag wiederholen könnte. Das Pferd High Noon mit Fahrer Loris Ferro ist bis kurz vor dem Ende auf dritter Position. Erst im Schlussspurt überholt er alle, und da kippt für einmal auch die Stimme des Profis. Speaker Markus Monstein kann seine Freude nicht verbergen. Er verkündet zwar ganz nüchtern die Resultate in drei Sprachen. Off the record meint er dann aber: «Das fühlt sich wahnsinnig an, Wolke sieben – ach was, nach zweimal drei Siegen wie Wolke 33».
Diskutieren Sie mit
Login, um Kommentar zu schreiben