Als Valeria Selina Walther am Sonntag nach dem Rennen mit Pferd Almacado Gree langsam über den gefrorenen See trottet, um herunterzukommen, wirkt sie fast ein wenig unaufgeregt. Kein überschwänglicher Jubel, keine grossen Gesten – eher ein ruhiges, zufriedenes Lächeln. Dabei hat sich die 28-jährige Pontresinerin gerade zum zweiten Mal in ihrer Karriere zur «Königin des Engadins» gekrönt. Wer ihr zuhört, merkt schnell: Der Erfolg scheint sie nicht aus der Ruhe zu bringen. Vielleicht ist genau diese Gelassenheit ihr grösster Trumpf – und ein entscheidender Faktor in einem Sport, der oft von Sekundenbruchteilen lebt.

Konstanz über drei Renntage
Dass sie die Gesamtwertung dieses Jahr für sich entscheiden konnte, lag an ihren starken Auftritten an den ersten beiden Rennsonntagen, die sie jeweils gewann. Am finalen Renntag musste sie den Tagessieg einem Konkurrenten überlassen: Pferd Ispahan setzte sich mit einem offensiven Rennen von der Spitze aus durch, gesteuert vom St. Moritzer Skilehrer Erich Bottlang. Für Walther änderte das nichts an der Krönung – ihre Konstanz über die Serie hinweg gab den Ausschlag.

Während des Rennens denke sie nicht an Ranglisten oder Vorgaben. «Du denkst gar nicht daran, was alles passieren muss, damit dies oder jenes eintrifft. Dazu hast du in dem Moment gar nicht die Zeit.» Stattdessen vertraue sie auf die Anweisungen ihrer Trainerin, die das Pferd bestens kenne und die Konkurrenz aufmerksam beobachte. Als sie sah, dass ihr grösster Konkurrent auf den Titel, Silvio Staub mit Hasta la Vista, stürzte, spürte sie, dass es gut kommen könnte, und sie wusste: Jetzt ruhig bleiben und das Rennen sauber nach Hause fahren. Gerade diese Mischung aus Instinkt und Disziplin habe sich einmal mehr ausgezahlt.

 Mehrere Stürze sorgten für heikle Momente auf der Strecke und liessen das Rennen phasenweise unruhig wirken. Valeria Walther nahm das Geschehen wahr, blieb aber konsequent fokussiert. «Es war meine Verantwor­tung, auf mein Pferd ‹Almi› zu schauen und ihn sicher hier durchzubringen», sagt sie. Sicherheit habe oberste Priorität – für Mensch und Tier gleichermassen. Dass am Ende alle Beteiligten unverletzt blieben, empfindet sie als Glück im Unglück. 

Entscheidungen in Millisekunden
Der Untergrund sei schwieriger gewesen als an den ersten beiden Rennsonntagen. Tiefer, langsamer Schnee, enge Situationen im Feld – im Skikjöring brauche es Übersicht und Mut zugleich. «Du musst schauen, was um dich herum passiert und gleichzeitig innerhalb einer Millisekunde entscheiden, was du als Nächstes machst», beschreibt sie. Gerade das mache den Reiz aus: Taktik, Intuition und Vertrauen in das Pferd. Mit «Almi» habe sie dabei grosses Glück. «Er ist ein schlauer Kerl», sagt sie und lächelt.

Schon als Kind war sie mit ihrer Familie regelmässig am White Turf, und sie reitet auch schon ihr halbes Leben lang. Irgendwann habe sie einfach entschieden, selbst mal beim Skikjöring mitzumachen – und hat diesen Sport für sich entdeckt. Mittlerweile ist sie seit zehn Jahren begeisterte Skikjöring-Fahrerin. Die zweite Krone zur Königin des Engadins nach 2023 bedeutet ihr viel, doch sie stellt den persönlichen Triumph nicht in den Vordergrund. «Es braucht so viele Menschen um mich herum, die alles geben, damit ich das überhaupt machen kann.»

Ein Familienprojekt auf dem See
Wer sie am Renntag beobachtet, sieht schnell: Skikjöring ist bei Walther auch Familiensache. Vater, Mutter und Freunde helfen beim Vorbereiten, stehen am Streckenrand und fiebern mit. «Egal, wer was macht – sie alle sind immer voll dabei», sagt sie. Dieses Umfeld gebe ihr Sicherheit und mache die Erfolge erst richtig wertvoll.

Auch beim Training geht sie ihren eigenen Weg. Klassische Fitnessprogramme reizen sie wenig. Im Sommer setzt sie vor allem auf mentale Vorbereitung, kombiniert mit Rennvelo, Ausritten und manchmal sogar Joggen. Kraft- oder Koordinationstraining sind nicht so ihr Ding. «Ich habe das Gefühl, das mentale Training hilft mir am meisten», sagt sie. Am Ende ist es nicht der grosse Jubel, der bleibt, sondern diese ruhige Gewissheit: Vertrauen, Geduld – und eine Krone, die fast beiläufig wirkt.

Autorin: Sina Margadant
Fotos: Jean-Marie Delnon | White Turf/Andrea Furger