Die Bueno Bar der Villa Beaulieu ist farbenfroh, nostalgisch verspielt und hat das Jugendstil-Flair eines Grandhotels: dunkelgrün gestrichene Wände, schwere, rote Vorhänge, goldgerahmte pompöse Spiegel und Ledersessel, die so bequem sind, dass man sich nicht mehr davon erheben möchte. Inmitten dieses Raumes, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint, sitzen zwei junge Männer. Mic Schneider und Martin Camichel, beide Jahrgang 1994, waren einst Klassenkameraden am Lyceum Alpinum Zuoz, später haben sie gemeinsam die Diskothek Vivai in St. Moritz mitgeführt sowie ein Gasthaus in S-charl. Nach einer Auszeit vom Gastgewerbe wollen sie nun ihr Herzensprojekt realisieren: die Villa Beaulieu.
Wo noch bis Herbst 2023 Patienten im Krankenbett lagen, werden bald Gäste nächtigen, wo operiert wurde, sollen Feste stattfinden, statt Infusionen gibt es im Haus jetzt guten Wein. Das Gebäude der ehemaligen Klinik Gut an der Via Arona gleich neben dem Berry Museum ist wieder mit Leben gefüllt.
Zurück zu den Wurzeln
Ursprünglich wurde das Haus als Pension Villa Joos gebaut. In den 1920er-Jahren hat die Familie Planta das Haus gekauft und als Villa Beaulieau privat genutzt. Ab 1941 war dann die Klinik Gut im Gebäude untergebracht. Ideal gelegen, in unmittelbarer Nähe zum Dorfkern, mit unverbauter Sicht auf den See befindet sich das Haus an bester Lage.
In den letzten vier Monaten haben Mic Schneider und Martin Camichel wenig geschlafen und sehr viel gearbeitet. Mitte Oktober wurde der Pachtvertrag mit der Familie Gut unterschrieben, bis Mitte Dezember war die eigene Firma gegründet, Treffen mit Investoren fanden statt und der Umbau wurde gestartet.
Zum Zeitpunkt der Übernahme war das Haus abrissbereit. «Wir mussten alle Wasserleitungen und Stromleitungen neu verlegen, viel Geld in die Hand nehmen, um die feuerpolizeilichen Auflagen zu erfüllen und die zu Zimmer renovieren», erzählt Mic Schneider. Dabei konnten sie mit der Unterstützung von Freunden und Bekannten rechnen und auf viel Wohlwollen aufseiten der Nachbarn zählen. Die Möbel beispielsweise stammen zum grössten Teil aus dem Fundus von Peter Robert Berry. Ganze Sets stellt er den Jungunternehmern zur Verfügung. Der Charme, den diese Möbel und Dekorationsgegenstände vermitteln, ist unbezahlbar.
Mund-zu-Mund-Propaganda
Der Pachtvertrag ist für vier Jahre vereinbart worden, mit Option auf eine Verlängerung. Hinter den zwei Jungunternehmern steht ein Kollektiv von Menschen aus der Region. Schon seit dem 26. Dezember sind die Bueno Bar und ein Weinshop geöffnet, am 29. Dezember wurde ein Pop-up-Restaurant mit Gastköchen eröffnet, das allerdings nur für Gruppen und nur auf Bestellung seinen Betrieb aufnimmt. Aus den ehemaligen Operationssälen entstand ein Eventsaal mit Platz für bis zu 80 Personen. Dieser wurde schon für eine Silvesterfeier genutzt, während der Crypto Finance Conference für Events und für die Kunstveranstaltung Nomad, deren Organisatoren das ganze Haus bespielt haben.
Bisher funktioniert der Betrieb ohne Werbung, nur über Mund-zu-Mund-Propaganda und Kontakte. «Wir befinden uns noch in der Testphase», erklärt Martin Camichel. Das Angebot der Villa Beaulieu werde laufend ausgebaut. «Wir haben hier ein Juwel, aber es ist noch viel zu tun», ergänzt Mic Schneider. Die 13 Zimmer – neun Doppelzimmer und vier Suiten – können frühestens ab Anfang April gebucht werden, Frühstück inbegriffen. Geplant ist zudem, sobald wie möglich einen Restaurantbetreiber zu finden.
Viele Gratisüberstunden
«Für uns ist die Villa Beaulieu auch ein kommunales Projekt, wir wollen ein Treffpunkt für alle werden, für Einheimische und Gäste», sagt Mic Schneider. Solche Orte der Gemeinschaft würden in St. Moritz fehlen. «Wir wollen ein qualitativ hochwertiger Ort sein, wo auch mal ein ‹Ueilà› zu hören ist», so der Gastgeber.
Fast 1500 Quadratmeter inklusive Garten stehen zur Verfügung. Jeder Bereich hat einen eigenen Charakter und soll sich laut den Betreibern laufend verändern dürfen. «Wir sind sehr an Events und Happenings im Haus interessiert», führt er weiter aus. Einige Retail-Flächen im Haus werden monatsweise untervermietet, es gibt auch Interessenten für eine fixe Miete – und ein Interessent möchte im November sogar das ganze Haus mieten.
Auch eine Künstlerresidenz geplant
Ein Schwerpunkt der Villa Beaulieu liegt auf der Kunst. Bereits jetzt ist diese im Haus allgegenwärtig, und in Zukunft sollen Künstlerinnen und Künstler ihre Werke hier ausstellen dürfen. «Wir wollen eine Artist in Residence aufbauen, damit konstant ein kultureller Austausch im Haus herrscht», erklärt Martin Camichel. Vor allem in der Zwischensaison sollen kreative Menschen eingeladen werden. Ein Zielpublikum für die Hochsaison haben die Jungunternehmer nicht. «Es soll wie die Villa eines extravaganten Freundes sein, bei dem ganz unterschiedliche Leute zu Gast sind», sagt Mic Schneider.
Zwei Barmitarbeiter, zwei Housekeeper, zwei Personen in der Verwaltung und die beiden Jungunternehmer bilden aktuell das Mitarbeiterteam der Villa Beaulieu. Auf die Frage, wie man ein solches Projekt finanziert, antwortet Mic Schneider: «Wir haben sehr tolle Investoren, die uns Zeit lassen, um ein sehr spannendes, flexibles Hotelprojekt zu realisieren.» Und natürlich leisten die beiden Idealisten unzählige unbezahlte Überstunden.
Ende April Tag der offenen Türe
In zwei Wochen findet die Bauabnahme des ganzen Hauses durch die Gebäudeversicherung Graubünden statt. Die zweite Testphase mit Hotellerie soll bis Ende der Wintersaison dauern. Anfang April ist dann ein grosses Opening vorgesehen, ein Tag der offenen Tür. Im Mai gibt es nochmals eine kleine Umbauphase und der Garten wird hergerichtet. «Ab Sommer wollen wir in allen Bereichen operativ tätig sein», so Mic Schneider. Die Villa Beaulieu soll ein Ganzjahresbetrieb werden.
www.villa-beaulieu.ch








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