Samstagmorgen, neun Uhr in der Aula des Schulhauses Scuol. Instruktorin Ursula Grimbichler vom Samariterverein Scuol erklärt einer Gruppe von First Respondern+ die Patientenbeurteilung nach Algorithmen: X wie starke Blutung, A wie Airway, B wie Breathing, C wie Cirulation, D wie ... - da ertönt plötzlich das Alarmsignal. Die erste Information ist kurz und bündig: zwei Personen in der Schulwerkstatt: eine mit Kreis­laufproble­men, eine andere mit einer Schnittwunde. Sofort machen sich alle auf zum Unfallort. Dort drückt eine Frau wimmernd und mit einem lauten «Es tut weh» den rechten, blutverschmierten Arm mit einer Schnittverletzung gegen ihren Oberkörper, auch am Boden sind Blutspritzer. Während sich drei Personen um die Frau kümmern, helfen auf der gegenüberlie­genden Seite des Raumes zwei Männer dem Herrn mit Kreislaufproblemen, sich hinzulegen. Ein Teil der First Respon­der+-Gruppe hat die Beobach­terrolle eingenomm­en. 

Der Mann liegt bald unter einer Wärmedecke und scheint stabil zu sein, die Frau hingegen stöhnt noch immer laut vor Schmerz, trotz Druckverband. Dann entdeckt eine Helferin das Hauptproblem: ein abgetrennter Daumen liegt in der Nähe auf dem Boden. Dieser wird aufgehoben und in einem sauberen Plastiksack aufbewahrt, um ihn später wieder annähen zu können. Die Rettung wurde bereits am Anfang über 144 benachrichtigt und ist unterwegs. 

Was am Boden liegt, fällt nicht
Übungsleiter Reto Böhlen beobachtet die Szenerie, dann ist es Zeit für das Debriefing. «Was sagt ihr der Rettungsmannschaft bei der Patientenübergabe?» Der Mann ist bei Bewusstsein, klagt über Schwindel und Übelkeit, er ist unverletzt. Die Frau ist verbunden, klagt über Schmerzen, der Daumen ist gesichert. Der Instruktor ist mit den Antworten zufrieden. Zwei Punkte hat er aber anzumerken: Die Frau sollte ebenfalls auf den Boden gelegt werden, statt sie auf einen Stuhl zu platzieren. «Alles, was am Boden liegt, kann nicht mehr runterfallen.» Und beim Mann hätte man noch nach Medikamenten, Vorerkrankungen und Aller­gien fragen können, was für den Rettungsdienst wichtig ist. Auch sollte ein Schlaganfall oder Herzinfarkt in so einer Situation nicht ausgeschlossen werden. 

Rund 15 Einsätze pro Jahr
Nebst dem theoretischen Teil gehören zum eintägigen Repetitionskurs der First Responder+ auch vier praktische Übungen. Die Ereignisse werden möglichst realistisch geprobt, damit die First Responder+ für den Notfall vorbereitet sind. Rund 15 Mal im Jahr sind sie im Einsatz, allesamt Freiwillige, viele von ihnen hatten vorher keine medizinische Ausbildung. Die First Responder+ wohnen in Dörfern, in denen die Ambulanz länger als 15 Minuten Anfahrt hätte – 15 Minuten werden als die «kritische Zeit» bezeichnet. Die Freiwilligen können in ihrem Dorf innert drei, vier Minuten vor Ort sein und Erste Hilfe leisten. «Sie werden bei Herz-Kreislauf-Problemen alarmiert, Bewusstlosigkeit, Atemnot, bei Schnittverletzungen, starken Blutungen und so weiter», erklärt Reto Böhlen. Bei Verkehrsunfällen werden sie hingegen nicht alarmiert, weil das zu gefährlich ist und die dazu nötige Zusatzausbildung fehlt.

Noch keine Rekrutierungsprobleme
 28 First Responder+ gibt es in der Region Unterengadin, Val Müstair und Samnaun. Durch die neue Leistungsvereinbarung mit dem Kanton, dessen Ziel es ist, 600 First Responder in Graubünden zur Verfügung zu haben, soll es künftig in jedem Dorf First Responder+ geben. «Das bedeutet für uns, dass wir weitere 30 Freiwillige suchen», sagt Dominique Mayor , Chef der First Responder Engiadina Bassa.

 Die Rekrutierung verlief bisher über den Samariterverein, in den Dörfern, aber auch Spitalpersonal lässt sich zum First Responder+ ausbilden. «Bisher hatten wir keine Probleme, Interessierte zu finden», sagt der Chef.Seit zwei Jahren gibt es nun die First Responder+ in der Region. Die Erfah­rungen sind laut Dominique Mayor durchs Band positiv. «Das funktioniert sehr gut, wir konnten eine tolle Gruppe zusammenstellen.»

Wichtiges Kettenglied für Rettung
Die Teilnehmenden des Repetitionskurses haben sich nach der Aufregung in der Schulwerkstatt Kaffee und Gipfeli verdient. Die Stimmung untereinander ist gut, die Gruppe ist durchmischt, was Alter, Geschlecht und Werdegang betrifft. Myriam Viletta ist Bäuerin in Guarda. «Ich habe selber in der Familie erlebt, wie wichtig schnelle Hilfe vor Ort ist», sagt sie zu ihrer Motivation, als First Responder+ tätig zu sein. Bis die Ambulanz in Guarda eintreffe, können nach der Alarmierung 20, 25 Minuten verstreichen. «Das kann je nach Fall zu lange sein.» 

Gianni Schorta lebt in Tschlin. «Ich habe diese Ausbildung für die eigene Sicherheit und jener der Dorfbevöl­kerung gemacht», erzählt er. Innert zwei Jahren hatte er bereits fünf Einsätze. In Tschlin leben viele ältere Personen, umso wichtiger sei schnelle Erste Hilfe vor Ort. In die Aula zu einem kurzen Besuch ist auch Aldo Sala gekommen, er ist Leiter des Rettungsdienstes und der Notfallstation am Center da sandà Engiadina Bassa. «Wir sehen die First Responder+ nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung, als wichtiges Kettenglied in der Rettung», sagt er. First Responder+ haben eine Ausbildung auf zweithöchster Laienstufe des Vereins Samariter Schweiz. «Oftmals sind wir beim Eintreffen froh, wenn wir mehr Hände zum Anpacken haben, oder sich jemand noch um die Angehörigen kümmert» so Aldo Sala. Auch er hat bisher nur gute Erfah­rungen mit First Respondern+ gemacht.

Täuschend echte Wunden
Nach der Znünipause startet der zweite Theorieblock, welcher Erste-Hilfe-Massnahmen bei starken Blutungen thematisiert. Die Teilnehmenden sind bereits gut informiert und können die Fragen der Instruktorin beantworten. Während Reto Böhlen vorführt, wie man ein Tourniquet (Abbindesystem) anwendet, geht erneut der Alarm los: ein Herzinfarkt. Und wieder rücken die First Responder+ gemeinsam aus. Sie werden von einer panisch ängstlichen Frau empfangen, die sie sofort zum Betroffenen führt. Schnell wird allerdings klar, dass sie sich vor lauter Stress und Aufregung bei einem herumstehenden Kanister mit einer giftigen, flüssigen Substanz die Hände verätzt hat. Täuschend echt sehen die Hände aus, die für die Übung mit Flüssigsilikon und Kunstblut bearbeitet wurden. 

Die Kursteilnehmenden gehen ruhig und professionell vor, alarmieren 144, leisten Erste Hilfe bei beiden Betroffenen, tauschen sich aus. Im Laufe des Tages werden sie noch zu einem Elektrounfall gerufen und versorgen eine Person mit inneren Blutungen. Eine der Figuranten ist Christiane Zürcher, ihres Zeichens Korporal beim Zivilschutz. «Es versteht sich von selbst, dass ich mich für solche Weiterbildungen zur Verfügung stelle, denn so kann man die Notfälle realitätsnah üben», sagt sie. Tatsächlich, sogar die künstlichen Wunden sehen echt aus. 

Bestens für den Notfall vorbereitet
Was tun, wenn sich ein Verunfallter nicht hinlegen will? Wie handeln, wenn die Person plötzlich wegdämmert? Wann ist der Defibrillator gefragt? Der Repetitionstag endet mit viel Zusatzwissen und einem regen Austausch von persönlichen Erfahr­ungen. Die erste Rezertifizierungs-Weiterbildung für die Unterengadiner First Responder+ war intensiv, aber erfolgreich. Sie sind bestens vorbereitet, wenn der nächste Alarm kommt.