Die Reise ins Engadin beeindruckt Lo & Leduc schon auf dem Weg. Während Lo (mit bürgerlichem Namen Lorenz Häberli) mit dem Zug anreist, fährt Leduc (mit bürgerlichem Namen Luc Oggier) mit dem Auto und dem ganzen Material für den Auftritt über den Julierpass. Ob auf der Schiene oder Strasse, die Anreise aus dem Unterland scheint zu gefallen. «Man hat fast das Gefühl, in einer Mondlandschaft zu sein», sagt Leduc. Graubünden sei für Mundartmusik geografisch zwar fast die äusserste Ecke der Schweiz – «aber genau das hat auch etwas Besonderes».

Kurz darauf stehen die beiden Berner Musiker in Pontresina auf der Bühne – im Rahmen der Engadin-Skimarathon-Woche. Die Höhe macht ihnen dabei weniger Sorgen als vielleicht dem Publikum. «Ich habe eher das Gefühl, dass wenig Sauerstoff mich in andere Sphären katapultiert», sagt Leduc lachend und erinnert sich an einen Auftritt auf dem Niesen. Die Ansagen seien damals so kreativ ausgefallen wie selten zuvor, das müsse an der dünnen Luft gelegen haben.

Zum Langlauf haben beide eine klare Meinung: Sie haben es ausprobiert – und sind beeindruckt. «Es sieht so leicht aus, aber es ist extrem anstren­gend», so Lo. Gleichzeitig habe der Sport aber auch etwas Stilvolles. Und im Gegensatz zum Skifahren könne man zwischendurch anhalten und einfach die Berglandschaft geniessen.

Ein Album in Zeiten der Krise
Doch eigentlich geht es an diesem Abend um Musik. Genauer gesagt um das neue Album «Krise als Chanson», das am 27. März erscheint. Drei Jahre nach ihrer letzten Veröffentlichung melden sich Lo & Leduc damit zurück – mit Songs, die teilweise ernster und direkter wirken als früher. Ganz bewusst hätten sie sich gefragt, wie ein «Chanson» heute klingen könnte. Der Begriff stehe für sie nicht nur für eine musikalische Form, sondern auch für eine Art, Geschichten zu erzählen.

Dass die Themen des Albums manchmal konkreter ausfallen, überrascht die beiden selbst nicht. Die Weltlage spiele dabei natürlich eine Rolle. «In einer Zeit mit so vielen Krisen prägt das automatisch auch die Musik», erklären sie. Gleichzeitig gebe es unterschiedliche Wege, darauf zu reagieren. Manche Künstlerinnen und Künstler thematisierten solche Entwicklungen direkt, andere suchten eher nach Leichtigkeit. «Beides ist legitim», sind sich Lo & Leduc einig. Für sie selbst habe sich einiges aufgestaut. Verschiedene Gedanken und Beobachtungen hätten sich über die letzten Jahre angesammelt – und wollten nun ausgesprochen werden. Das Resultat sei vielleicht weniger verspielt als früher, dafür «direkter».

Musik im digitalen Zeitalter
Auch die Art, wie Musik veröffentlicht wird, hat sich verändert. Früher seien Album-Releases noch klar erkennbare Ereignisse gewesen. «Man ging in den Plattenladen und sah, was neu erschienen ist», erinnern sich die beiden. Heute hingegen rede man oft «in einen Bildschirm hinein» – ohne genau zu wissen, wo die Musik am Ende landet. Ganz verschwunden sei das Gefühl eines Album-Releases dennoch nicht. Rund um die Veröffentlichung von «Krise als Chanson» stehen zahlreiche Termine an, Promo-Interviews und auch Proben. Zudem haben Lo & Leduc einzelne Songs bereits im Vorfeld veröffentlicht. «Am Tag, an dem das Album erscheint, ist aber immer noch mehr als die Hälfte neu», sagen sie.

Trotz Streaming und Einzeltracks denken sie weiterhin in klassischen Albumstrukturen. Die Reihenfolge der Songs, der Spannungsbogen – all das spiele für sie nach wie vor eine wichtige Rolle. Auch wenn heute viele Menschen ein Album nicht mehr von Anfang bis zum Ende der Reihe nach durchhören. 

Nervös wie am ersten Tag
Nach über einem Jahrzehnt im Musikgeschäft stellt sich dennoch eine Frage: Wird man mit all der Erfahrung gelassener, wenn ein neues Album erscheint? Ganz im Gegenteil, sagen Lo & Leduc. «Ich bin sogar nervös, hier in Pontresina zu spielen», sagt Leduc lachend. Die Aufregung vor Konzerten sei geblieben, egal, ob man vor Heimpublikum auf dem Gurten spiele oder wie an diesem Abend am anderen Ende der Schweiz. Auch vor der Veröffentlichung des Albums herrsche eine Mischung aus Vorfreude und Nervosität. Gleichzeitig seien sie mit den neuen Songs im Reinen. «Ob sie riesige Kreise ziehen oder nicht, ist gar nicht entscheidend», so Luc. Wichtig sei vielmehr, dass sich die Stücke für sie richtig anfühlen.

Live gefeiert wird das Album Anfang Mai im Berner Bierhübeli. Danach stehen weitere Konzerte an – insgesamt könnten es rund 25 Auftritte im Laufe des Jahres werden. Showmüdigkeit? Davon keine Spur. Noch immer stehe die Band gemeinsam im Probenraum, experimentiere und feile an neuen Ideen. «Vieles hat sich verändert», sagen Lo & Leduc, «aber vieles ist zum Glück noch gleich geblieben.» (sm)

Fotos: Engadin Skimarathon, Fabian Gattlen & Maximilian Lederer