Wenn am Donnerstag auf Salastrains die Musik einsetzt, beginnt nicht nur ein weiteres Festivalwochenende. Die fünfte Ausgabe des SunIce Festivals zeigt, wie sich ein zunächst belächeltes Projekt innert weniger Jahre zu einem festen Bestandteil im Eventkalender von St. Moritz entwickelt hat. Hinter dem Erfolg steht ein junges Team, das sich in einem anspruchsvollen Umfeld behaupten musste – und weiterhin ambitionierte Ziele verfolgt.
Vielfältiger und mit neuen Akzenten
Das sichtbarste Zeichen dieser Entwicklung ist die Infrastruktur. Die Hauptbühne präsentiert sich 2026 wieder in ihrer grössten Dimension. Nachdem sie im Vorjahr bewusst etwas kompakter gehalten wurde, soll sie nun wieder «so gross wie nie zuvor» wirken, wie Gründer und Geschäftsführer Loris Moser sagt. Durch eine veränderte Anordnung des VIP-Bereichs und eine transparente Rückwand entsteht ein offeneres, imposanteres Gesamtbild.
Gleichzeitig bleibt das Outdoor-Erlebnis ein zentraler Bestandteil des Festivals. Neu wird eine Bühne vollständig aus Schnee und Eis gebaut – ein Projekt, das laut Moser in dieser Form bislang kaum umgesetzt wurde. «Die ganze Outdoor-Stage besteht aus Schnee», erklärt er. Gerade bei guten Wetterbedingungen soll diese Kulisse zu einem prägenden Element des Festivals werden.
Auch abseits der Bühnen baut das SunIce sein Angebot weiter aus. Neben klassischen Festivalstrukturen finden sich auf dem Gelände mittlerweile zahlreiche zusätzliche Angebote: Beauty- und Barber-Stationen, Tattoo- und Accessoire-Stände sowie ein erweiterter Merchandise-Bereich gehören ebenso dazu wie eine wachsende Vielfalt an Foodständen – von Fondue über Pizza bis hin zu asiatischen Spezialitäten. Ergänzt wird das Ganze durch kleinere Formate wie eine zusätzliche «Secret Stage», die das Gelände erweitert und für neue Entdeckungsmomente sorgen soll.
Diese Entwicklung ist kein Zufall. «Die Gäste haben Erwartungen – und wir haben diese Erwartungen auch an uns selbst», sagt Moser. Ein reines Konzertformat reicht heute nicht mehr aus, um Besucher über mehrere Tage hinweg zu begeistern – insbesondere nicht an einem Standort wie St. Moritz, der mit Anreise- und Übernachtungskosten verbunden ist.
Zwischen Kritik und Realität
Der Weg dorthin war allerdings alles andere als geradlinig. Das SunIce Festival entstand in einer Phase, die von Unsicherheiten geprägt war. Die Corona-Pandemie erschwerte die Planung, finanzielle Mittel waren knapp, und das junge Team sah sich früh mit Skepsis konfrontiert. «Wir hatten lange Mühe mit dem Geld», sagt Moser rückblickend.
Hinzu kamen Vorurteile. Immer wieder wurde infrage gestellt, ob ein solches Festival im Engadin Bestand haben könne – auch weil viele Beteiligte vergleichsweise jung sind. Gerüchte über ein mögliches Scheitern hielten sich hartnäckig. Dennoch hielt das Team am Konzept fest, finanzierte das Projekt über lange Zeit aus eigenen Mitteln und konnte schliesslich Investoren gewinnen, die für mehr Stabilität sorgen.
Auch der Vergleich mit dem gescheiterten «Fyre Festival» tauchte in der Anfangsphase immer wieder auf – nicht zuletzt befeuert durch mediale Aufmerksamkeit rund um die entsprechende Netflix-Dokumentation. Während dieser Vergleich zunächst Zweifel nährte, sorgte er gleichzeitig für Aufmerksamkeit. Spätestens seit der ersten erfolgreichen Durchführung hat sich das SunIce jedoch von solchen Parallelen gelöst.
Konkurrenz wird stärker
Mit dem Wachstum steigen auch die Herausforderungen. Insbesondere das Booking von Künstlern hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. «Die Gagen sind explodiert», sagt Moser. Für Veranstalter ohne nahezu unbegrenzte finanzielle Mittel wird es zunehmend schwieriger, mit der internationalen Konkurrenz mitzuhalten.
Trotzdem verfolgt das SunIce weiterhin den Anspruch, im oberen Segment mitzuspielen. Moser spricht von einer «Champions League» der Festivals – mit dem Bewusstsein, nicht einfach nur oben mitzuspielen, sondern sich da auch langfristig etablieren zu können.
Inhaltlich reagiert das Festival stets auf Entwicklungen und Rückmeldungen. So wurde beispielsweise das Line-up gezielt angepasst, unter anderem mit einem stärkeren Fokus auf weibliche Artists und eine breitere Mischung innerhalb der elektronischen Musikszene. Ziel ist es, sowohl musikalisch als auch atmosphärisch ein möglichst vielseitiges Publikum anzusprechen.
Erlebnis über mehrere Tage
Ein entscheidender Faktor für den Erfolg liegt im Standort selbst. St. Moritz gilt als exklusiv, was insbesondere für jüngere Besucher eine gewisse Hemmschwelle darstellen kann. Gleichzeitig sorgt genau dieser Umstand dafür, dass das Festival intensiver erlebt wird. Wer anreist, bleibt in der Regel mehrere Tage – oft verbunden mit einem ganzen Wochenende im Engadin.
Dieses Commitment unterscheidet das SunIce von vielen anderen Festivals. «Wenn die Leute kommen, dann planen sie das bewusst», sagt Moser. Die Kombination aus Musik, Bergkulisse und Rahmenprogramm schafft dabei eine emotionale Bindung, die über den einzelnen Event hinausgeht.
Um dieses Gemeinschaftsgefühl weiter zu stärken, setzt das Festival zunehmend auf digitale Ergänzungen. Neu kommt eine eigene App zum Einsatz, die unter anderem eine Matching-Funktion bietet. Besucher können sich darüber vernetzen, gemeinsame Aktivitäten planen oder sich spontanen Gruppen anschliessen – etwa für einen Skitag vor dem Festivalbesuch am Abend.
Sommerausgabe als Gegenpol
Parallel zur Winterausgabe in St. Moritz hat sich mit der «Summer Edition» in Ascona ein zweiter Standort etabliert. Die Unterschiede könnten kaum grösser sein: Während im Engadin hohe logistische Anforderungen, begrenzte Flächen und steigende Kosten den Alltag bestimmen, ist die Durchführung im Tessin deutlich einfacher und kostengünstiger.
Gerade deshalb beschäftigt sich das Team intensiv mit der Zukunft des Festivals in St. Moritz. Ein zentrales Thema ist die nachhaltigere Nutzung der aufwendigen Infrastruktur. Moser strebt an, diese künftig gemeinsam mit anderen Veranstaltungen zu nutzen, um Kosten zu senken und Ressourcen effizienter einzusetzen. «Das wäre für alle sinnvoll», sagt er.
Noch ist diese Lösung nicht umgesetzt. Vorerst liegt der Fokus auf der aktuellen Ausgabe. Erwartet werden mehrere tausend Besucherinnen und Besucher, verteilt über mehrere Tage. Für Moser steht dabei weniger die reine Zahl im Vordergrund als die Erfahrung: Die Gäste sollen das Festival als besonderes Erlebnis in Erinnerung behalten – und wiederkommen.
Das SunIce Festival dauert von heute Donnerstag bis und mit Samstag. Infos zum Line-up und Tickets unter
www.sunicefestival.ch.
Fyre Festival – ein gescheitertes Versprechen
Das Fyre Festival gilt als eines der grössten Festival-Debakel der jüngeren Vergangenheit. 2017 wurde auf den Bahamas ein exklusives Luxusfestival angekündigt – mit hochpreisigen Tickets, prominenten Influencern und grossen Versprechungen. Die Realität sah anders aus: Statt luxuriöser Villen erwarteten die Besucher notdürftig aufgebaute Zelte, unzureichende Infrastruktur und fehlende Verpflegung. Auch die Organisation brach vor Ort teilweise zusammen – es fehlte an Transport, Unterkünften und Sicherheitsstrukturen. Die Netflix-Dokumentation «Fyre: The Greatest Party That Never Happened» zeigte später, wie stark Marketing und Realität auseinanderlagen und wie das Festival trotz offensichtlicher Probleme weiter beworben wurde. Initiator Billy McFarland wurde später wegen Betrugs verurteilt. (sm)
Autorin: Sina Margadant
Fotos: SunIce Festival
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