Die Aussicht von der Terrasse des Bergrestaurants La Motta ist fantastisch: verschneite Berge, wo das Auge hinschaut. An diesem Mittwochnachmittag ist der Himmel blau, die Sonne scheint, eine leichte Bise weht. Annatina Filli blickt auf das Panorama, und ihre Mundwinkel deuten ein Lächeln an. Seit drei Jahren lebt die Scuolerin in der Stiftung Scalottas in Scharans, einer Einrichtung für Menschen mit einer Beeinträchtigung. Bei Annatina Filli wurde 2019 eine atypische Form von Parkinson diagnostiziert, heute ist ihr Körper fast komplett gelähmt. Multisystematro­phie lautet der Fachbegriff für ihren gesundheitlichen Zustand. Sie kann sich kaum noch mitteilen. Ihr Geist aber ist klar.

«Heute ist Annatina aufgewacht und hat nicht geweint, weil sie wusste, dass sie für einen Tag nach Hause gehen kann», sagt Alexandra Flores. Die Betreuerin war es, die diesen Ausflug in die Wege geleitet hat. «Annatina hat sehr häufig Heimweh, Scuol ist ihr Daheim, das sie liebt», erzählt die junge Frau. Als noch Gespräche möglich waren, habe Annatina immer wieder den Wunsch geäussert, noch einmal nach Scuol zurückkehren zu dürfen. Und immer wieder die Befürchtung, dass dies nicht mehr möglich sein könnte.

Ein Coup Dänemark im Skigebiet
Um diesen Traum erfüllen zu können, wandte sich Alexandra Flores an die gemeinnützige Organisation «A Million Dreams». Gegründet wurde diese vor drei Jahren von den beiden ehemaligen Unternehmern Jens Keel und Daniel Manser. «Unsere Vision ist, Menschen glücklich zu machen», sagt Daniel Manser, der Annatina Filli und ihre Betreuerin in Scharans abgeholt und nach Scuol gebracht hat. Das Tagesprogramm: Mittagessen im Hotel Astras; Überraschungskonzert der Musikgesellschaft Scuol, deren Präsidentin die Klarinettistin Annatina während vieler Jahre war; Gondelfahrt ins Skigebiet Motta Naluns, an die die passionierte Skifahrerin schöne Erinnerungen hat, und dann der Lieblingscoup Dänemark zum Dessert; zum Abschluss eine Spazierfahrt entlang der Hauptstrasse von Scuol mit Halt vor dem Elternhaus der Fillis. 

Für Annatina Filli ist das ein Mammutprogramm, aber den Tag durfte sie selber zusammenstellen – die Überraschungen natürlich ausgenommen. Eine ist die Begleitung durch ihre Scuoler Freundinnen und einige Familienmitglieder. «Dass ihr Herzenswunsch in Erfüllung gehen konnte, ist sehr schön», meint Bruder Flurin Filli. Seine Schwester habe Zeit ihres Lebens in Scuol verbracht, habe dort als Sekretärin einer Baufirma und später als Journalistin für die heutige Fundaziun Medias Rumantschas gearbeitet. «Sie war immer sehr ortsverbunden und hatte grosse Mühe, nach Scharans ziehen zu müssen.»Jetzt fühle sie sich dort aber gut aufgehoben.

Jeder Mensch hat Träume im Leben
 «Jeder Mensch hat Träume im Leben, aber in der Schweiz gab es bisher keine Organisation, die sich um die Erfüllung von Träumen kümmert», erklärt Daniel Manser den Ursprungsgedanken bei der Gründung von «A Million Dreams». Einerseits hilft die Organisation, Träume zu erfüllen, es geht laut dem Mitgründer aber auch darum, andere dazu zu inspirieren, sich mehr Gedanken zu ihren Träumen zu machen, und auch zu den Träumen der Nächsten. «Und wir möchten motivieren, dass man sich selber und anderen diese Träume auch erfüllt.»

Daniel Manser und Jens Keel haben ihre bisherigen Jobs aufgegeben und setzen Netzwerk, Know-how und ganz viel Herzblut vollberuflich für «A Million Dreams» ein. Sie helfen Menschen, die sich ihren Traum nicht selber erfüllen können: Menschen mit einer geistigen, psychischen oder körperlichen Beeinträchtigung, Menschen, die an einer schweren Krankheit leiden, Menschen, die einen schweren Schicksalsschlag erlitten. 


Viele Emotionen, Freude und Trauer
Annatina Filli kann ihre Emotionen nicht mehr zeigen, doch ihre Augen leuchten beim Betrachten der Berge auf der Terrasse des Bergrestaurants. Alexandra Flores, die sie seit zwei Jahren betreut, sagt: «Annatina fühlt heute sehr viele Emotionen. Sie musste Kraft sammeln, um nochmals nach Scuol kommen zu können. Jetzt ist sie glücklich, hier zu sein, aber auch etwas traurig, weil sie am Ende des Tages ihre Heimat wieder verlassen muss, ohne zu wissen, ob sie jemals wieder ihr geliebtes Scuol sehen wird.»

Weitere Informationen: www.amilliondreams.ch

Autorin und Fotos: Fadrina Hofmann