Die REO beschafft neue Fahrzeuge nicht nach Lust und Laune, sondern nach klaren Vorgaben. «In der Regel werden Ambulanzfahrzeuge über sechs Jahre oder 300 000 Kilometer abgeschrieben – je nachdem, was zuerst eintritt», so Gerald Kurtz, Betriebsleiter der REO. Im Oberengadin halten die Fahrzeuge oft länger, weil die Einsatzfahrten weniger materialintensiv seien als in Städten mit Dauerbetrieb. «Wir beschaffen ein Fahrzeug eigentlich erst dann, wenn wir es wirklich ersetzen müssen», so Kurtz.
Mit dem neuen Fahrzeug wechselt die REO vom bisherigen VW Transporter auf einen grösseren VW Crafter mit Allradantrieb. Der Entscheid fiel nicht zuletzt deshalb, weil der Hersteller beim kleineren Modell zwischenzeitlich kein Allradfahrzeug mehr anbietet. Also prüfte die REO eine grössere Variante – und stellte fest, dass diese kaum teurer ist, aber deutlich mehr Platz bietet. Gerade im Oberengadin mit engen Gassen, winterlichen Strassenverhältnissen und grossen Temperaturunterschieden seien Allradantrieb und eine robuste Bauweise wichtige Faktoren.
Mehr Platz für Patienten und Team
Der zusätzliche Platz im Innenraum verbessert vor allem die Arbeitsbedingungen im Einsatz. Bei schweren Notfällen arbeiten mehrere Personen gleichzeitig am Patienten. «Wenn wir bei einem schwer verletzten Patienten eine Narkose einleiten, sind wir zu dritt oder zu viert im Fahrzeug. In den alten Ambulanzen war das fast nicht möglich», sagt Kurtz. Im neuen Fahrzeug habe der Notarzt am Kopf des Patienten genügend Platz für das Arbeiten mit Beatmungsgerät und Absaugung, während das Rettungsteam seitlich arbeiten kann.
Die Ausstattung an Bord ist umfangreich und ähnelt jener eines Schockraums in einer Notfallstation. Dazu gehören unter anderem ein Beatmungsgerät, Spritzenpumpen und ein Reanimationsgerät. Neu ist auch, dass sämtliche Fächer mit Rollos versehen sind. Das ist hygienischer und erhöht gleichzeitig die Sicherheit, denn bei einem Unfall bleibt das Material verstaut und fliegt nicht durch den Innenraum. Neu befindet sich zudem eine grosse Schublade unter der Trage, in der beispielsweise Ski oder ein Snowboard transportiert werden können – ein praktisches Detail für ein Einsatzgebiet wie dem Engadin.
Design mit regionalem Bezug
Auffällig ist auch das Design der neuen Ambulanz. Dieses wurde vom REO-Team selbst entworfen. Die Fahrzeuge tragen die Notrufnummer 144, die Farben der Rettung Oberengadin sowie einen roten Schwung, der für Veränderung steht. «Wir haben in den letzten Jahren viele Veränderungen erlebt, und das wollten wir auch im Design zeigen», sagt Gerald Kurtz. Gleichzeitig war dem Team wichtig, einen regionalen Bezug herzustellen. Deshalb tragen die Fahrzeuge Namen von Engadiner Bergen – das neue Fahrzeug ist dem Berninamassiv gewidmet und heisst «Bernina», das vorherige trägt den Namen «Piz Palü».
Dass ein neues Fahrzeug in Betrieb genommen werden kann, ist für das Team kein alltäglicher Moment. Entsprechend gross sei die Freude gewesen, sagt Kurtz. Bei der Planung sei es darum gegangen, ein Fahrzeug für die Mitarbeitenden zu bauen, die täglich damit im Einsatz stehen. «Du musst so ein Auto für das Team bauen. Wenn das Team Freude hat und gerne darin arbeitet, dann haben wir vieles richtig gemacht.» Letztlich profitierten aber auch die Patientinnen und Patienten: mehr Platz, eine durchdachte Einrichtung und moderne Geräte ermöglichen eine noch bessere Versorgung bereits während des Transports. «Bernina» wird morgen Sonntag zum ersten Mal im Einsatz stehen, mit dem Chef höchstpersönlich am Steuer.
Autorin und Fotos: Sina Margadant
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