Die drei Frauen fallen auf in ihrer roten Engadiner Tracht: Selina Nicolay, Barbara Aeschbacher und Maria Cristina Fasol Cerutti. Wo auch immer sie auf dem Platz des Lindenhofs hoch über der Limmat unterwegs sind, werden sie bewundert und sogar aus der Ferne fotografiert. Die Gemeindepräsidentin von Bever, die Gemeindepräsidentin von Sils und das Gemeindevorstandsmitglied von Celerina haben an diesem 20. April eine ehrenvolle Aufgabe, denn sie dürfen am Nachmittag beim Zug der Zünfte als Fahnenträgerinnen die Bündner Delegation anführen.
Zunächst aber finden sich die 300 Ehrengäste aus dem Gastkanton zum gemeinsamen Mittagessen im Festzelt ein. Für Barbara Aeschbacher ist dieser Besuch in Zürich besonders, denn schon als Kind ist sie beim Sechseläuten-Umzug bei der Zunft Wiedikon mitgelaufen. «Für die Stadtzürcher ist es ein ganz wichtiges Frühlingsfest, ähnlich wie der Chalandamarz im Engadin», erzählt sie in der Pause zwischen Salat und Pizzokel. Für sie sei es sehr speziell, jetzt in Zürich das Engadin vertreten zu dürfen. «Das macht mich extrem stolz», sagt sie.
Lindenhof, 13.00 Uhr
Während im Zelt gegessen und getrunken wird, präsentieren draussen unter den Linden Bündner Produzentinnen und Produzenten ihre Erzeugnisse. Da ist beispielsweise Engadiner Bier an einem Stand erhältlich, inklusive Spezial-Bier «Piz Böögg». Die Weberei Tessanda verkauft gewebte Artikel aus der Val Müstair und auch die Valposchiavo ist vertreten. «Es ist eine grosse Freude, hier zu sein und den Kanton Graubünden zu repräsentieren», sagt Obstbauer Nicolò Paganini. Auf seiner Jacke steht «Coltiviamo sogni» - «Wir kultivieren Träume».
Neben ihm steht Marco Triacca von der Weinkellerei La Perla. Er hat zwar früher für vier Jahre in Zürich gelebt, doch am Sechseläuten hat er nie teilgenommen. «Das war ja immer ein verlängertes Wochenende, und wir Bündner fahren doch bei jeder Gelegenheit sofort nach Hause», meint er lachend. Beide freuen sich über die positiven Reaktionen und den Ansturm der Besucherinnen und Besucher.
Altstadt, früher Nachmittag
Während auf dem Lindenhof grosser Trubel herrscht, ist es in den Gassen der Altstadt ruhiger. Immer wieder aber eilen Menschen in historischen Zunftgewändern vorbei. Sie gehen zu den Zunfthäusern, um sich gemeinsam auf den «Zug zum Feuer» vorzubereiten. Als Passantin wähnt man sich in einer anderen Zeit: ein Bub in blau-roter Uniform und mit Säbel läuft die Pflasterstrasse hoch, ein junges Mädchen in Tracht und mit Blumenkranz im Haar sitzt auf einem Brunnen und sonnt sich, die Stadtmusik Kloten stellt sich mit Dreispitz und Pluderhosen für ein Foto auf. Junge Männer mit roten Kniestrümpfen, Schnallenschuhen und Lederschurz foppen sich gegenseitig vor Zwinglis Amtswohnung.
Kunsthaus, 14.00 Uhr
Im «Sächsilüüte Magazin» mit dem schönen Titel «Zürich hat Bock auf Graubünden» sind sämtliche Zünfte und Zunfthäuser aufgeführt. Insgesamt 3500 Personen nehmen jeweils am Umzug teil. Zu ihnen gehört auch Sina Trottmann aus Scuol. Sie ist jedes Jahr am Kinderumzug am Sonntag und am Zug der Zünfte am Montag dabei, so, wie bereits ihre ältere Schwester Laura, bis diese mit 16 Jahren dafür zu alt war. Dass sie mitmachen kann, obwohl sie im Engadin zu Hause ist, verdankt Sina den Nachbarn ihrer Zürcher Grosseltern, die Zunftmitglieder sind. In Tracht, mit Haube und blauer Schürze läuft Sina mit der Zunft Fluntern mit, verteilt Süssigkeiten an die Passanten und winkt der Menge zu. «Das ist immer ein einmaliges Erlebnis», sagt sie.
Ihre Mutter Sandy Trottmann hat die 14-Jährige soeben beim Zunft-Treffpunkt beim Kunsthaus abgeliefert. Auch sie hat Süssigkeiten – und kleine Schnapsflaschen dabei. Viele Zuschauerinnen und Zuschauernehmen nehmen Blumen oder Snacks mit, die sie ihren Angehörigen oder Bekannten zustecken, wenn diese beim Umzug an ihnen vorbeilaufen. Die Teilnahme am Sechseläuten bezeichnet Sandy Trottmann als «teure Geschichte«, die sie inklusive Trachtmiete etwa 400 Franken kostet. Dennoch nimmt sie die Reise und Kosten gerne auf sich. «Sina bedeutet dieses Fest sehr viel.»
Bahnhofstrasse, 15.00 Uhr
Sandy Trottmann hat sich einen Sitzplatz an der Bahnhofsstrasse reserviert. Schon unzählige Schaulustige warten entlang der Strasse oder sitzen auf den Bänken, die in zwei Reihen aufgestellt wurden. 15 Franken kostet ein Sitzplatz in der zweiten Reihe, 25 in der ersten. Aber eigentlich sieht man den Umzug am besten, wenn man steht. Das schöne Wetter und milde Temperaturen sorgen für eine ausgelassene Stimmung, noch bevor der Umzug startet. Um Punkt 15.00 Uhr geht es dann los.
Die Reitergruppe des Zentralkomitees der Zünfte Zürich schreitet voran, gefolgt von namhaften Persönlichkeit aus dem Zunftwesen, aus Politik und dem Polizeiwesen. Nach der Eröffnungsgruppe kommen die Gäste: die Bündner mit ihren Fahnen, mit Tambouren und Musik, mit dem Wilden Mann und den Bergführern, mit Bündner Bäuerinnen und Landfrauen in Tracht, mit Heuerinnen und Schwingerkönig Armon Orlik. Und mit den Ehrengästen. Für besonders viel Aufmerksamkeit sorgt ein humanoider Roboter in Chalandamarz-Bluse und mit roter Zipfelmütze. Er läuft im rasanten Schritt mit.
Bahnhofstrasse, später Nachmittag
Bestens vertreten sind die Bündner Persönlichkeiten, auch als Gäste der Zünfte. Darunter sind auffallend viele Engadiner. Sie werden von der Menge erkannt, bejubelt und reich beschenkt – von Bündnerinnen ebenso wie von Zürchern. Ex-Skirennfahrer Marc Berthod begeistert mit Discokugel-Helm. Der Weltcupsieger im Langlauf, Dario Cologna, strahlt unter dem Dreispitz und mit Blumenstrauss mit der Sonne um die Wette. Christian Jott Jenny, seines Zeichens gebürtiger Zürcher und eingebürgerter St Moritzer Gemeindepräsident, wird mitten im Umzug von einem TV-Sender interviewt. Der RhB-Direktor, Renato Fasciati, schreitet würdevoll neben einer Schönheit im Reifrock die Tramgleise entlang. «So viele Blumen und Umarmungen habe ich noch nie an einem Tag erhalten», sagt er nach dem Umzug.
Auch Kuriositäten gibt es am Sechseläuten-Umzug: Beduinen mit zwei echten Kamelen und grossen Windhunden. Stadtzünfter auf historischen Hochrädern. Kinder, die einen Riesenfisch oder ein Wildschwein an einer Stange tragen. Reiter in Ritterrüstung. Ein Mensch im Bärenkostüm. Die Umzug-Teilnehmenden verteilen Süssigkeiten, Salzbrezel, Wein, sogar Cervelat und Büürli. Und von allen Seiten erschallt immer wieder der Ruf: «Schöns Sächsiüüte! Wer von auswärts kommt, staunt und schmunzelt.
Sechseläutenplatz, 18.00 Uhr
Drei Stunden dauert es, bis die letzte Zunft vorbeigezogen ist. Doch wer noch rechtzeitig zum Verbrennen des Böögg beim Sechseläuteplatz ankommen will, muss sich sputen und sich mindestens eine halbe Stunde vorher durch die Menge kämpfen. Vor der Absperrung rund um den sandigen Platz hat sich bereits eine Mauer aus Menschen gebildet. Nicht einmal zum Pressebereich ist ein Durchkommen möglich.
Doch der grüne Zutrittsbändel zum begehrten Areal hilft. Mit Unterstützung der Securitas finden sich ein Schlupfloch und ein Platz an vorderster Front, mitten in der Bündner Delegation. Auch bei diesem Programmpunkt sind die Zürcher pünktlich. Um 18.00 Uhr hat der Bündner Regierungspräsident Martin Bühler seinen grossen Auftritt. Er darf den grossen «Scheiterhaufen» anzünden, auf dem der Böögg steht (siehe Kasten). Unter Jubelrufen der Bündnerinnen und Bündner - «Bravo, Martin!» - und mit breitem Grinsen entfernt dieser sich vom Platz, sobald die ersten Flammen züngeln. Die Reitergruppen der verschiedenen Zünfte sind dran. Jede Gruppe reitet drei Runden um den Böögg, jeweils von ihrer Zunft lautstark angefeuert.
Derweil laufen im Publikum die Wetten. Wie lange wird der Böögg brennen? 20 Minuten? 30 oder 37 Sekunden? Je kürzer, desto schöner der Sommer, heisst es. Die Flammen fressen sich den Kleinholzhaufen hoch, erreichen denn Böögg, alles lautstark vom Publikum kommentiert. Und dann geht es plötzlich schnell. Die Knallkörper im Bauch des Schneemanns zünden. Die Pferde bleiben dennoch ruhig und drehen weiterhin ihre Runden. Der Böögg brennt lichterloh. Alle blicken gebannt zum Kopf. Der grosse Knall ertönt nach exakt 12 Minuten und 48 Sekunden. Die Menge tobt.
Bellevue, 18.20 Uhr
Einige Zünfte erreichen den Sechseläutenplatz erst nach dem grossen Spektakel, unter ihnen auch der Sechsspänner von Wohli‘s Kutschbetrieb aus Celerina. Die massigen Kaltblüter ziehen den mit Mehlsäcken beladenen Karren der Zunft Weggen. «Viva la Grischa», ruft Gina Wohlwend fröhlich in die Menge. In roter Bauernbluse und mit Chalandamarz-Halstuch gekleidet, geniesst sie den Auftritt am Sechseläuten mit ihrem Team sichtlich.
Als Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider mit der letzten Zunft eintrifft, löst sich die Menschenmenge bereits auf. Über Lautsprecher werden die Menschen vom Areal Bellevue und Theaterstrasse weggelotst, damit weder Stau noch Panik entstehen können. Der Haufen unter dem Böögg schwelt noch lange vor sich hin. Später wird die Glut vom «Fussvolk» zum geselligen Grillieren vor Ort verwendet, während die Zunftmitglieder zum Feiern in die Zunfthäuser weiterziehen. Doch bis dahin sitzen die meisten Engadinerinnen und Engadiner schon wieder im Zug in Richtung Graubünden.
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