Alles begann in einem Keller. Als Neisa und Mario Giacometti im Jahr 1926 mit dem vierjährigen Sohn Balser und der Schwiegermutter Anna Defila nach Lavin zogen, lebten sie zur Miete in einem Haus mit Holzbackofen im Keller. Die Vermieterin, Frau Bertogg, backte bis zur Übernahme durch die Familie Giacometti das Brot für die Familien im ganzen Dorf. Die Teiglinge formten diese zu Hause und brachten sie zum Backen nach Suotröven.
Mario und Neisa Giacometti gründeten 1926 die erste gewerbliche Bäckerei in Lavin. Die fertigen Backwaren verkauften sie in einem kleinen Raum im Wohnhaus oder im Dorf von Haus zu Haus. «Sie mussten hart arbeiten, da sie anfänglich keine Knetmaschine und andere Geräte zur Verfügung hatten», heisst es in der Jubiläumspublikation «100 Jahre Furnaria Pastizaria Giacometti Lavin», die im Gammeter Media-Verlag gedruckt wurde.
Die Frauen waren die Managerinnen
Initianten dieser Publikation waren Robert Giacometti, seines Zeichens gelernter Bäcker und Bäckerei-Inhaber der dritten Generation, und seine Partnerin Silvia Egler. «Ich hatte viele Dokumente und Fotos und wollte die Geschichte meiner Vorfahren lebendig erhalten», sagt er bei einem Treffen im Café der Furnaria Pastizaria Giacometti am unteren Rand des Dorfplatzes von Lavin.
Ein Jahr dauerte es von der Idee bis zur Umsetzung der Publikation, die wie ein reich bebildertes Magazin aussieht. «Ich habe mit Verwandten und Bekannten gesprochen und begann auch, in Archiven zu suchen. Je mehr ich in der Vergangenheit wühlte, desto mehr erfuhr ich über unsere Familiengeschichte», erzählt Robert Giacometti. Da er stets im Tal gelebt habe und früher auch den Geschichten der Grosseltern interessiert lauschte, habe er bereits viel über die Vorfahren gewusst. Dennoch stiess er auf Überraschendes. «So waren zum Beispiel alle Frauen der Bäcker die Managerinnen, alle Männer waren die Handwerker.»
Der Krieg als blühende Zeit
Mario, Neisa, ihre vier Kinder und die Schwiegermutter Anna lebten bis 1935 im Haus in Suotröven. Die Familie betrieb daneben noch eine kleine Landwirtschaft. Dann verkaufte Neisas Mutter Haus und Land in Sent und stellte den Erlös ihrer einzigen Tochter zur Verfügung. Damit erhielten Mario und Neisa die Möglichkeit, das Haus am Dorfplatz zu kaufen und eine grössere und für die damalige Zeit moderne Bäckerei einzurichten. Der Standort der Bäckerei ist bis heute gleich geblieben. Die Geräte, welche das Gründerpaar kaufte, waren zum Teil bis zur dritten Generation im Einsatz. Enkel Robert hat damit noch gearbeitet.
Das Geschäft von Mario und Neisa entwickelte sich sehr gut, und bald verkauften sie ihre Produkte auch in Ardez, Guarda und Susch. «Als Transportmittel benutzten sie ein Pferd mit Wagen und veräusserten die Brote dreimal wöchentlich in den Gemeinden», heisst es in der Publikation. Die besten Zeiten erlebten sie während des Zweiten Weltkriegs. Rund um Lavin waren viele Soldaten der Schweizer Armee stationiert. Die Militärküchen benötigten grosse Mengen an Brotwaren und Süssigkeiten. Im Hausgang der Bäckerei wurde sogar eine Militär-Kantine eingerichtet. Für die Bevölkerung hingegen war das Brot rationiert, und man konnte es nur mit Coupons kaufen.
Mit dem Fiat von Dorf zu Dorf
Nach dem Krieg, im Jahr 1949, übergab Mario dem Sohn Balser Giacometti den Betrieb. Dieser verbrachte sein ganzes Leben als Bäcker in Lavin. Seine Frau Rosa Egler lernte er zuoberst an der Plazza Gronda kennen. Das Ehepaar bekam vier Kinder, eines ist Robert Giacometti. 1958 erhielt die ganze Familie das Bürgerrecht von Lavin. Balser und Rosa entwickelten die Furnaria Pastizaria Giacometti weiter. «Die Backwaren wurden mit einem der ersten Fahrzeuge, die es in Lavin gab, in die umliegenden Dörfer geliefert und verkauft.». Das Unternehmerpaar eröffnete Filialen in Ardez und Susch.
Der Fiat diente übrigens auch als Transportmittel für Schwangere oder Kranke, um sie ins Spital nach Scuol zu fahren. Zu dieser Zeit begann der Aufschwung im Tourismus. Neu belieferte die Bäckerei auch Hotels mit Backwaren. Balser begann mit Erfolg Spezialitäten zu produzieren – wie Birnbrot oder Nusstorte. Diese wurden sogar an Messen prämiert. In den Sechzigerjahren vergrösserten Balser und Rosa die Bäckerei, und der Holzofen wurde durch einen Ölofen ersetzt. Auch Maschinen hielten Einzug in die Backstube. Zeitweise arbeiteten drei Giacometti-Generationen unter einem Dach.
Verschiedene Standbeine
Sowohl die Familie Giacometti als auch die Familie Egler hat eine Zuckerbäckergeschichte. Ein Kapitel der Publikation ist dem Aufenthalt von Robert Giacometti in der Pasticceria Gilli-Bezzola in Rom gewidmet. Dort arbeitete er für Verwandte, die Randulins waren. 1977 übernahmen Robert und seine Frau Gretta Giacometti-Vital dann das Geschäft. Bei der Übergabe war das Paar noch keine 30 Jahre alt. Ihre beiden Elternteile halfen im Betrieb und im Familienalltag kräftig mit.
Kurz nach der Übernahme entstand der Verkaufsladen mit einem Café und einer Terrasse, und die Backstube wurde nochmals vergrössert. 1982 kaufte die Familie einen grösseren Backofen, die Filialen gab sie auf. Dafür führte sie später den Usego-Laden in Guarda und das Café Fümm in Zernez. Die Furnaria Giacometti versorgte fünf Gemeinden mit Brot sowie weiterhin Hotels. Das Unternehmerpaar kaufte auch das Hotel Crusch Alba in Lavin, das viele Jahre lang erfolgreich geführt wurde. Zudem konnte die Furnaria Pastizaria Giacometti Engadiner Spezialitäten für Globus, Reformhaus Müller Zürich und kleinere Geschäfte in der ganzen Schweiz liefern. Anfang der Achtzigerjahre begann der Vertrieb an Coop-Läden.
Von 18 zu vier Bäckereien im Tal
Um 1950 gab es in fast jedem Dorf im Unterengadin eine Bäckerei, insgesamt waren es 18 Betriebe. Nach und nach haben immer mehr Bäckereien die Produktion von Backwaren eingestellt. Die Gründe: steigende Kosten, Fachkräftemangel, geringere saisonale Kundschaft, fehlende Nachfolge. «In den nächsten Jahren wird es wahrscheinlich nur noch vier Betriebe im Unterengadin geben», sagt Robert Giacometti. Die Furnaria Pastizaria Giacometti ist eine davon.
Seit nunmehr vier Generationen wird der Familienbetrieb erfolgreich geführt, seit 2010 von Miranda und Arthur Thoma-Giacometti. Sie beschäftigen heute 12 Mitarbeitende. Seit der Lancierung der Fine-Food-Linie von Coop im Jahr 2013 gehören die Engadiner Nusstorten und Birnbrote aus Lavin zum Sortiment des Grossverteilers. Seither gibt es Engadiner Spezialitäten in der ganzen Schweiz.
Von Holzbackofen zu Holzbackofen
In den Anfangsjahren führten Miranda und Arthur neben der Bäckerei noch ein Café mit Verkaufstheke in Zernez. Inzwischen konzentrieren sie sich auf den Standort Lavin. Jede Giacometti-Generation hat das Unternehmen weiterentwickelt. Die jüngste Innovation ist die Pizzeria. Jeweils am Dienstag und Freitag bieten Arthur und seine Bäcker Pizza-Kreationen aus dem Holzofen an. Dieser befindet sich im ehemaligen Dorf-Backhäuschen in der Nähe der Bäckerei. «Wir wollen die Gemeinschaft im Dorf fördern», sagt Miranda, die sich mit ihrem Mann ebenfalls zum Gespräch dazugesellt hat. Gelegentlich werden im Backhäuschen auch Brote gebacken, wie anno dazumal.
So scheint sich der Kreis über ein ganzes Jahrhundert zu schliessen – vom Holzbackofen zum Holzbackofen, von der backenden Gemeinschaft zum Backen für die Gemeinschaft.
Autorin: Fadrina Hofmann
Foto: Familienarchiv Giacometti
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