Jeden Tag vom oberen Vinschgau über den Reschenpass nach Scuol zur Arbeit fahren – das machen viele Südtiroler Grenzgängerinnen und Grenzgänger. Auch Hannes Wilhalm kennt die tägliche Fahrt über die Grenze. Seit 2011 arbeitet er in Scuol. Nicht nur der bessere Lohn hat ihn damals dazu bewogen, Grenzgänger zu werden. «Mir hat es von Anfang an gut gefallen in Scuol», erzählt er. Die Atmosphäre im Betrieb sei familiär gewesen, der Kontakt mit den Einheimischen herzlich. Inzwi­schen hat er die Garage Fratschöl übernommen.

«Das Schulsystem ist sehr gut»
Laut Hannes Wilhalm ist es schwierig, Mechaniker und Mechatroniker aus der Region zu finden. «Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir in Grenznähe sind, so finden wir noch Personal», sagt er. Der aktuelle Lehrling ist ebenfalls ein Südtiroler. Er absolviert seine Ausbildung in der Schweiz und besucht die Gewerbeschule in Samedan. «Das Schulsystem in der Schweiz ist sehr gut», meint der Garagen-Inhaber. 

Als Geschäftsführer ist es Hannes Wilhalm wichtig, im Geschäft und in der Region präsent zu sein. Das ist einer der Gründe, warum er seinen Wohnsitz nach Scuol verlegt hat. Auch spart er damit Fahrzeit. Zeit, die er lieber mit seiner Familie oder mit Freizeitaktivi­täten wie einer abendlichen Skitour nach Motta Naluns oder einem Besuch im Bogn Engiadina verbringt. 

Die Auswirkungen sind nicht klar
Seit dem 1. Januar 2024 ist das neue Grenzgängerabkommen zwischen der Schweiz und Italien in Kraft. Unterschieden wird neu zwischen den «alten» Grenzgängern (die vor dem 17. Juli 2023 eine Anstellung in der Schweiz hatten) und den «neuen» Grenzgän­gern mit einem Arbeitsvertrag ab 17. Juli 2023. Bisher wurden Grenzgänger zu 100 Prozent in der Schweiz besteuert (Quellensteuer), in Italien hingegen wurde ihr Schweizer Lohn nicht besteuert. Neu sind sie zu 80 Prozent in der Schweiz quellensteuerpflichtig, dafür werden sie zusätzlich auch in Italien besteuert. Die in der Schweiz gezahlten Steuern werden aber angerechnet.

Alle Mitarbeiter der Garage Fratschöl, die als Grenzgänger hier tätig sind, zählen zu den «alten» Grenzgängern. Hannes Wilhalm ist der Ansicht, dass es sich für Südtirolerinnen und Südtiroler auch mit der Doppelbesteuerung lohnt, in der Schweiz zu arbeiten. 

 

Südtiroler Betriebe handeln
Schon der Vater von Hannes Wilhalm war während vierzig Jahren Grenzgänger und arbeitete als Zimmermann bei der Sägerei in Ramosch. Früher war eine Anstellung in der Schweiz für einen italienischen Staatsbürger noch attraktiver. Fakt ist, dass die Unternehmen im Vinschgau nicht untätig geblieben sind: sie zahlen heute bessere Löhne, werben zum Teil mit flexiblen Arbeitszeiten, Mittagessen oder sogar mit der Vier-Tage-Woche.

Hannes Wilhalm stellt aber auch fest, dass die Lebenskosten in der Schweiz nicht mehr so viel höher sind als im Südtirol. Das beginne schon mit den Preisen im Lebensmittelgeschäft. Die Teuerung hinterlässt Spuren im Nachbarland. Der Lohn ist hingegen noch nicht an die hohen Lebenskosten angepasst. Und darum bleibt das Grenzgängertum interessant für Südtiroler.