Die Chalandamarz-Kinder von Ramosch brauchen einen langen Atem, denn ihr Umzug geht durch Ramosch, Seraplana und Vnà und dauert den ganzen Tag. Abends ist dann noch der Ballin für Gross und Klein. Der siebenjährige Vitus Nef ist dieses Jahr zum ersten Mal bei den «Grossen» dabei. «Mir gefällt Chalandamarz, weil man mit Glocken durchs Dorf laufen kann und ich mit meinen Freunden zusammen sein darf», sagt er. Die Rösas habe er selber in der Schule gebastelt, die Blusen bewahre immer seine Nona auf. Die Glocke haben sein Vater und sein älterer Bruder bei einem Bauern für ihn ausgewählt. Er könne sie gut tragen, das habe er schon ausprobiert. «Beim Umzug laufen diejenigen mit den grossen Glocken voran und die Kinder mit den kleinsten Glocken ganz hinten», erklärt Vitus die Aufstellung. 

Die Lieder hat er natürlich geübt und alle Texte auswendig gelernt. « ‹Che bel sulai› singe ich am liebsten», sagt der Erstklässler und gibt gleich eine Gesangsprobe, die beweist, das er sattelfest ist. Auf den Ballin freut sich Vitus sehr, denn da könne man lang aufbleiben, mit den Freunden spielen – und es gebe eine Marenda. «Nach Chalandamarz schmilzt langsam der Schnee, es wird wärmer und die Vögel singen wieder, das finde ich schön», meint er. 


Viel Vorfreude in Zernez
Es scheint ihm überhaupt nichts auszumachen, sich für den Fototermin schon zwei Tage vor dem eigentlichen Chalandamarz die blaue, mit Papier­rosen geschmückte Kutte überzuzie­hen, die rote Zipfelmütze aufzusetzen – auch sie ist mit «Rösas» geschmückt – das Halstuch umzuknoten und sich dann in den engen Lederriemen der mächtigen «Plumpa» zu zwängen. Der zwölfjährige Lian Städler ist Chalandamarz-Fan, durch und durch. Heuer trägt der Sechstklässler zum ersten Mal diese stolze «Plumpa», nachdem er schon in den Vorjahren mit einer solchen, wenn auch etwas kleineren am Chalandamarz unterwegs war. «Bis zur siebten Klasse können wir in Zernez mit ‹Brunzinas›, ‹S-chellas› oder ‹Plumpas› Lärm machen», sagt er strahlend. «In der achten Klasse ist man dann ‹chavagl›, und in der neunten Klasse ‹patrun›», also «Pferd», welches am Umzug den Gabenwagen zieht oder dann Chef des Umzugs. 

Lian ist einer jener Schüler, die vom erstmöglichen Tag an, traditionellerweise ist dies der 1. Februar, tagtäglich gekonnt die Peitsche durch die Gassen knallen lassen. Gelegenheit, um mit der «Plumpa» und «Giaischla» Radau zu machen, bekommt Lian am Samstagnachmittag beim Chalandamarz-Umzug in Brail wie auch am Sonntag beim Chalandamarz im heimischen Zernez sicher zur Genüge. 

Auch in Sils knallen die Peitschen
Das Peitschenknallen ist eine Tradition, die in einigen Engadiner Gemeinden eine wichtige Rolle beim Festumzug des Chalandamarz spielt. Doch nicht überall gehört dieses Ritual zu den festen Bestandteilen des Kinderfestes. Während in Zuoz und Samedan das Peitschenknallen schon lange ein fester Bestandteil der Feierlichkeiten ist, blieb es in Sils in dieser Hinsicht still. Bis vor zwei Jahren.

Roman Pünchera, der in Samedan aufgewachsen ist, versuchte die Tradition, ins «Nietzsche-Dorf» zu bringen. Doch sein Versuch blieb zunächst erfolglos. «Der Schulrat hatte mir in den ersten Jahren meiner Lehrertätigkeit klar mitgeteilt, dass die Tradition aus Samedan zwar schön sei, aber dort bleiben solle», erinnert sich Pünchera mit einem Schmunzeln. Pünchera blieb beharrlich, ganz nach dem Prinzip «Steter Tropfen höhlt den Stein». Vor zwei Jahren war es schliesslich so weit. Die Schülerinnen und Schüler in durften erstmals die Peitsche knallen lassen. 

«Es ist schon cool, dass wir in Sils diese Tradition ausüben dürfen», sagt Jan Leon Wallnöfer, der im vergangenen Jahr der erste offizielle «Giaischleder» war und in diesem Jahr als «Sain», also als ältester Schüler der Oberstufe, erneut ran darf. 

Krönender Abschluss als Dirigentin
 Gleich zwei Umzüge und einen Kindergartenumzug gibt es beim Scuoler Chalandamarz. Die Schulkinder singen im ganzen Dorf an verschiedenen Orten und Plätzen, eine Gruppe im unteren Dorfteil, die andere im oberen Dorfteil. Beim Stradun kommen die Gruppen zusammen und die ganze Kinderschar zieht gemeinsam bis zum Schulplatz, wo zum Abschluss noch der grosse Peitschenknallen-Wettkampf stattfindet. Joana Freitas hat Chalandamarz immer gerne gefeiert. «Es ist ein sehr feierlicher Brauch mit Rösas und Blusen, mit Liedern und alle sind dabei», sagt sie. 

Die 16-Jährige darf dieses Jahr das letzte Mal beim Umzug teilnehmen, dafür aber in einer besonderen Funktion: Sie ist Dirigentin. «Wir sind zu viert und wechseln uns ab», erzählt sie. Joana freut sich, dass sie für diese wichtige Aufgabe ausgewählt wurde, denn angemeldet hatten sich viele der Neuntklässlerinnen und Neuntkläss­ler.«Schon als ich klein war, habe ich zu den Dirigenten aufgeschaut und wollte auch mal da vorne stehen», erzählt sie. Nun hat es geklappt und sie darf den Takt angeben. «Nicht alle hören gut zu», sagt sie lachend. Da müsse man ab und zu streng sein. Ein bisschen Wehmut verspüre sie schon, dass ihre Chalandamarz-Zeit nun zu Ende geht, meint Joana.