Erst vor Kurzem ist Ida Zisler von ihrem Elternhaus am Dorfrand von Sent in die Chasa Puntota nach Scuol gezogen. Die Beine machen nicht mehr mit, was das Leben in einem alten Engadinerhaus schwierig macht. Das Erste, was beim Eintreten in ihr neues Zimmer auffällt, ist das Keyboard. Im Engadin ist Ida Zisler als begnadete Organistin bekannt. Dabei deutete zunächst nichts darauf hin, dass sie eine musikalische Karriere machen würde.
Ida Zisler ist eine Nachfahrin der Randulins, also den Engadiner Zuckerbäckern, die in La Spezia in Italien erfolgreich ein Geschäft aufgebaut hatten. Bis Anfang der Siebzigerjahre bestand die Konditorei noch, dann aber nicht mehr von der Familie Bazzell-Crastan geführt. Ida Zislers Mutter war eine gebürtige Bazzell. «Mein Vater zog als Siebenjähriger mit seiner Familie von Napoli nach Zürich», erzählt Ida Zisler. Ihre Eltern lernten sich erst als junge Erwachsene in Sent kennen, obwohl sie verwandt waren. «Die junge Generation der Randulins hatte damals den Klub Il Plazzin gegründet, um die Sommer in Sent in Gemeinschaft zu verbringen, zum Beispiel, um zusammen zu wandern», erklärt Ida Zisler.
Immer Romanisch gesprochen
Am 27. November 1940 kam die kleine Ida auf die Welt, mitten im Krieg. «Mein Vater war Pilot und einer der Ersten, der den Militärdienst antreten mussten», erzählt Ida Zisler. Und so wuchs das Mädchen bis 1946 in der Nähe des Flughafens Zürich auf. «Zuhause haben wir immer Romanisch gesprochen, denn mein Urgrossvater war der Dichter Chasper Poo, der die romanische Sprache in der Familie auch in Italien immer gepflegt hatte», erklärt sie. Nebst der Muttersprache vererbte der bekannte Urgrossvater auch seinen feinen Humor an die nachfolgenden Generationen. Mit der Mutter sprach Ida Zisler allerdings Italienisch.
Nach dem Krieg zog die Familie nach Grenchen, wo der Vater als Fluglehrer tätig war. Dort grassierte die Tuberkulose und auch die fast achtjährige Ida erkrankte daran. Die nächsten zwei Jahre verbrachte sie fast durchgehend in einem Sanatorium in Davos. Besuch bekam sie nur einmal von der ganzen Familie. «Ich durfte nicht aufstehen, musste stundenlang still liegen, durfte nicht spielen», erinnert sie sich. Aus lauter Langeweile habe sie an den Bändern der Bettdecke genuckelt, sie in der kalte Winterluft hart werden lassen, um dann Figuren daraus zu formen. «Ich hatte schon immer eine blühende Fantasie», sagt sie. Die Briefe nach Hause durfte die kleine Ida nicht auf Romanisch verfassen, da die Schwestern diese kontrollieren wollten.
«Signuria da merda»
1947 kam ihre Schwester zur Welt, die zwei Jahre quasi als Einzelkind aufwuchs. Diese Konstellation sorgte für ein zeitlebens angespanntes Verhältnis zwischen den Schwestern. Rückblickend sagt Ida Zisler über ihre Zeit im Sanatorium: «Ich habe damals das Vertrauen in die Erwachsenen verloren.»
Aufgrund ihrer Krankheit verpasste sie viel Schulstoff. Als der Vater die Stelle in Grenchen verlor und für ein Jahr mit der Familie nach Sent zog, besuchte sie kurz die Dorfschule. Akzeptiert wurde sie dort nie. «Wir Randulins wurden als ‹signuria da merda› bezeichnet», erinnert sich Ida Zisler.
Angenommen fühlte sie sich nur von den anderen Randulins, die während der Sommermonate in Sent weilten. Allerdings durfte sie nicht mit den anderen Kindern spielen. «Meine Mutter liess mich nicht, aus Sorge um meine schwache Gesundheit», erzählt sie. Sie habe sich ihre ganze Kindheit über wie eine Handtasche gefühlt, die ihre Mutter mit sich herumschleppte. Die Mutter selbst litt an Depressionen und liess das Kind glauben, es sei daran schuld. «Ich habe mich immer verantwortlich für meine Mutter gefühlt», erzählt Ida Zisler.
«Studieren lohnt sich nicht»
Dann wurde der Vater Polizeikommandant und die Familie zog nach Chur. «Da hatte ich grosses Glück, denn ein Primarlehrer erkannte meine Intelligenz und förderte mich.» Sie absolvierte die Zulassungsprüfung zur Sekundarschule schliesslich mit einem der besten Notendurchschnitt der Klasse. Auf Anraten des Lehrers wurde das Mädchen aufs Gymnasium geschickt. «Dort hatte ich erstmals einen Freundeskreis, Gleichaltrige, mit denen ich mein ganzes Leben lang in Kontakt blieb», so Ida Zisler.
Nach der Matura hätte die junge Frau gerne Medizin studiert. «Aber mein Vater meinte, für ein Mädchen lohne es sich nicht zu studieren, da sie ohnehin heiratet.» Geheiratet hat Ida Zisler nie, doch sie setzte sich durch, um wenigstens Krankenschwester zu werden, sehr zum Missfallen der Eltern. «Ich wollte einen sinnstiftenden Beruf ergreifen», erklärt sie die Berufswahl. Dreieinhalb Jahre dauerte die Ausbildung am Zollikerberg, und sie fühlte sich wohl im Kreise ihrer Mitschülerinnen.
Lebensfreude in Italien
Nach der Ausbildung reiste die junge Frau für einen Monat nach La Spezia, zu ihrer Familie, die so anders war als jene Zuhause: offen, herzlich, fröhlich. Bei ihren beiden Tanten, den Zie, fühlte sie sich aufgehoben. Sie erzählt von ihrem Onkel und den Grossvater, die stets beim Eingang der Konditorei an der Kasse sassen und zuerst bei der Kundschaft einkassierten, bevor diese die Ware holen durften. Sie schildert die Männer, die morgens vor der Arbeit im Café vorbeikamen – keine Handwerker, «nur solche, die saubere Hände hatten». Sie erzählt von den Eisstücken, die auf fenstergrossen Unterlagen auf dem Fahrrad angeliefert wurden. In Italien fuhr sie auch selbst leidenschaftlich gerne Fahrrad - ein Gefährt, das Ida Zisler immer mit einem Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit verband.
Viele Jahre arbeitete Ida Zisler im Triemli-Spital in Zürich, wo sie Ausbildnerin für Krankenschwestern wurde. Sie war 29 Jahre alt, als der Vater starb. Danach kümmerte sch Ida Zisler um ihre Mutter, bis zu ihrem Tod.
Ein Verein für die Randulins
Die Liebe zur Musik entdeckte sie bereits als Mädchen in Sent. «Da stand ein altes Klavier, auf dem ich gerne spielte», erinnert sie sich. Sie brachte sich das Klavierspielen mit Noten selber bei. «Sobald ich eigenes Geld verdiente, nahm ich Klavierunterricht.» Sie absolvierte später sogar ein Musikstudium an einer Privatschule und wurde Klavierlehrerin für Erwachsene.
Erst mit der Pensionierung rückte Sent wieder in den Vordergrund. Ida Zisler zog 2007 aus finanziellen Gründen in das Haus ihres Urgrossvaters, begann Kirchenorgel zu spielen, vernetzte sich mit anderen Randulins und Sturnels (Zweitwohnungsbesitzende). Sie gründete den Verein Randulins da Sent, dem sie bis heute als Präsidentin vorsteht.
Jeweils im August treffen sich die Nachkommen der Engadiner Auswanderer in Sent, es gibt Begegnungen, es wird gefeiert und der alten Zeiten gedacht. «Bei Sent hatte ich stets ein abstraktes Gefühl von Heimat, denn in der Heimat waren wir nicht willkommen. Ich war wohl stärker Randulina, als ich früher gedacht habe, das hat mich geprägt.» Nach La Spezia ist sie immer wieder zurückgekehrt, bis die letzten Verwandten nicht mehr da waren.
Endlich gehört werden
Ida Zisler hat sich Zeit ihres Lebens um andere gekümmert. Eigene Kinder wollte sie nicht aus Sorge, die fragile Gesundheit weiterzugeben. Den Tod der bedürftigen Mutter empfand sie damals, als 61-Jährige, als Befreiungsschlag. Die Zeit nach der Pensionierung empfand sie als eine der glücklichsten, «weil ich endlich machen konnte, was ich wollte und sein konnte, wer ich bin.» Gehört zu werden, wahrgenommen zu werden, das sei ihr stets ein Anliegen gewesen. Vielleicht auch, weil sie in ihrer Kindheit keine eigene Stimme haben durfte.
Erst kürzlich durfte sie im Rahmen der Abschlussveranstaltung der Schreibschule Sent einen Textauszug von ihrem Manuskript «Josephines Orgelbüchlein» vorlesen. «Wie bei der Musik ist es ein schönes Gefühl zu merken, dass Menschen mir zuhören, es berührt mein Herz», sagt Ida Zisler. Einen Wunsch, den sie hegt, ist, dass ihre fiktionale Autobiographie mit Alter Ego Josephine als Buch veröffentlicht wird. «Es fehlen nur noch wenige Seiten ...
Im Wandel der Zeit ist ein Oral-History-Projekt in Kooperation mit dem Kulturarchiv Oberengadin.







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