Wenn es um die Regulierung der Wolfsbestände im Kanton Graubünden geht, findet Peter A. Dettling deutliche Worte: «Die massiven Abschüsse destabilisieren die Wolfsfamilien, schüren neue Konflikte und ignorieren den demokratischen Volkswillen.» Dettling dokumentiert seit 2005 das Leben frei lebender Wölfe von Nordamerika bis in die Schweizer Alpen. Seine Arbeiten wurden in Medien wie National Geographic publiziert sowie im Smithsonian (Washington, D.C.) ausgestellt. Er ist Autor von sechs Büchern und ein Kenner der Wolfslandschaft Graubünden.
Seit der Revision der Jagdverordnung Ende 2023 vollzieht die Schweiz einen Kurswechsel, was die Regulierung des Wolfsbestandes betrifft. «Was bundesweit als proaktive Regulation verkauft wird, ist meiner Ansicht nach ein unwissenschaftliches und sehr teures Experiment zu Lasten der Steuerzahler», sagt Dettling (siehe Kasten). Das Beispiel Graubünden zeige, dass genau jene Konflikte, die Kantone und Bund eigentlich verhindern wollen, durch die aktuelle Praxis verstärkt würden.
»Biologisch unverantwortlich»
Um seine Aussagen zu belegen, liefert Dettling Zahlen: In der Regulationsperiode 2023–2024 wurden insgesamt 21 Wölfe geschossen, in der Regulationsperiode 2024/25 bereits 40 Wölfe. Und allein vom 1. September 2025 bis 31. Januar 2026 wurden 35 Wölfe erlegt. Berücksichtigt sind dabei nicht jene Wölfe, die aufgrund von Wilderei und Unfällen gestorben sind. 2024 beispielsweise verlor die Population die Hälfte ihres Bestandes (53 von 106 Tieren). «Diese Strategie ist biologisch unverantwortlich. Wenn wir zwei Drittel der Welpen wegschiessen, zertrümmern wir das soziale Gefüge», erklärt Dettling.
Dies habe Folgen, die für niemanden Vorteile bringen. Seine Analyse zeigt, dass Abschüsse den Herdenschutz oft untergraben. Sie bringen Destabilität und Stress. «Orientierungslose Jungwölfe ohne Führung durch Elterntiere neigen eher zu Nutztierrissen», erklärt der Wolfsfeldforscher. Im Überlebenskampf müssten sie höhere Risiken eingehen und würden potenziell sichtbarer. «Die Regulation erschafft das Problem der angeblich nicht scheuen Wölfe oft erst selbst», so Dettling.
Ähnlich verhalte es sich, wenn Jungwölfe, die sonst als Helfer der Elterntiere dienen, geschossen werden. Der Druck auf die Elterntiere steige, um die Familie über die Runden zu bringen. «Auch dies kann dazu führen, dass die Elterntiere oder verbliebene Jungtiere mehr Risiken eingehen, sichtbarer werden oder vermehrt auf leichtere Beute wie etwa Schafe ausweichen», erklärt der Wolfsfeldforscher. Das sei keine Theorie von ihm, sondern in internationalen Studien belegt, betont er.
Fuorn-Rudel als Negativ-Beispiel
Seine Aussagen erläutert Dettling an einem konkreten Beispiel: dem Fuorn-Rudel. Nach der Entnahme der Wolfsfamilie seien problematischere Tiere nachgerückt. «Zwei Rindsartige wiesen Bissspuren von Wölfen auf, doch die DNA-Proben wurden nicht abgewartet, man hat diese Wolfsfamilie schon vorher zum Abschuss freigegeben», sagt Dettling. 15 Wölfe wurden erlegt, davon gehörten 12 dem Fuorn-Rudel an, drei weitere waren Wölfe, die sonst im Gebiet unterwegs waren.
Im Jahr darauf entstand ein neues Rudel, das Sinestra-Rudel, welches sich als problematisch herausstellte. Es gab deutlich mehr Schafsrisse als beim Fuorn-Rudel. Auch in diesem Fall wurde das ganze Rudel zum Abschuss freigegeben. «Das ist keine nachhaltige Lösung», ist Dettling der Meinung. Ein weiteres Beispiel sei das Beverin-Rudel, bei dem die Situation immer schlimmer geworden sei, je mehr Wölfe geschossen wurden. «Die Abschüsse haben nicht mehr Ruhe gebracht, im Gegenteil.» Auch zu diesem Phänomen gebe es Studien aus dem Ausland. «Das Amt kann doch nicht die Augen vor diesen Tatsachen verschliessen und einfach weitermachen», gibt Dettling zu verstehen.
Rücksicht auf die Tierart
Mit diesen Vorwürfen hat die EP/PL Arno Puorger, Abteilungsleiter Grossraubtiere beim Amt für Jagd und Fischerei konfrontiert. «Die bisherigen Beobachtungen aus Graubünden bestätigen das nicht», sagt er. Es werde im Vorfeld einer Regulierung sorgfältig eruiert, welche Tiere aus welchen Gründen geschossen werden. «Im Vergleich zu anderen Regionen, in denen Wölfe reguliert werden, verfolgt die Schweiz einen Ansatz, in welchem diese möglichen negativen Effekte der Regulation bereits auf rechtlicher Ebene berücksichtigt werden und dem Herdenschutz eine hohe Bedeutung zukommt», so Puorger.
Der Abteilungsleiter Grossraubtiere kennt die Studien, die ergeben haben, dass Jungwölfe ohne Führung eher Nutztiere reissen. «Wir können das anhand der Zahlen aus Graubünden aber nicht bestätigen, womöglich, weil wir eine andere Art der Regulation, andere Bedingungen oder noch zu wenig Daten haben», sagt er. Es gebe noch keine grossen Datensätze, mit welchen ermittelt werden könne, wie sich ein Wolfsrudel oder Konflikte nach einer Regulation unter den hier vorherrschenden Umständen entwickelt. In der Qualität der Umsetzung könne das Amt für Jagd und Fischerei gute Resultate vorweisen.
Es gibt wieder neue Wolfspaare
In Bezug auf das Bewegungsverhalten der beiden Rudel Fuorn und Sinestra schlussfolgert Puorger, dass diese Wölfe in unterschiedlichen Gebieten unterwegs gewesen seien. «Das Fuorn-Rudel war vorwiegend in den Gemeinden Zernez und Val Müstair unterwegs, das Sinestra-Rudel in den Gemeinden Scuol und Valsot». Es gebe also keinen Zusammenhang zwischen dem Verhalten der beiden Rudel.
Gemäss dem letzten Quartalsbericht Grossraubtiere des Amtes für Jagd und Fischerei, welcher Ende Januar publiziert wurde, waren Ende 2025 elfeinhalb Rudel im Kanton bestätigt. Sowohl das Sinestra-Rudel als auch zwei weitere Rudel wollte der Kanton entnehmen. Laut Puorger sind inzwischen im Kanton wieder neue Wolfspaare entstanden, auch im Engadin. »Im Herbst werden wir wissen, wie viele Rudel – auch neue – im Kanton leben.». Erwiesen ist, dass zwei Wölfe unbekannten Geschlechts zwischen Ardez und Susch unterwegs sind, ein Paar mit einem dunklen Wolf ist seit dem letzten Jahr im Unterengadin unterwegs, im Oberengadin hat es ein Rudel und es kann zudem jederzeit noch einzelne Wölfe geben, die durchziehen. In der Val Müstair wurden Beobachtungen von zwei Wölfen gemeldet, die vermutlich aus dem Südtirol stammen.
Ziel: ein positiver Effekt
Laut Puorger hält der Kanton an der bisherigen Praxis der proaktiven Regulation des Wolfsbestandes fest. «Ob es der optimale Weg ist, wissen wir noch nicht, aber um das herauszufinden, müssen wir nun Erfahrungen für unseren Kontext sammeln und das Wolfsmanagement entsprechend weiterentwickeln», sagt er. Erfahrungen, zum Beispiel wie Rudel auf Abschüsse reagieren oder wie sich Schäden entwickeln, werden beobachtet, um dann zu eruieren, wie erfolgreich die Strategie ist oder wo Verbesserungspotenzial besteht. «Wir setzen unseren Auftrag bestmöglich gemäss den gesetzlichen Vorgaben um und wollen die Konflikte minimieren. Die Zahlen der letzten drei Jahre zeigen denn auch, dass der Bestand trotz stärkerer Eingriffe tendenziell zunehmend ist, während die Zahl der Konflikte im selben Zeitraum stabil blieb», so der Abteilungsleiter Grossraubtiere.



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