John Hatties zentrale Botschaft ist klar: Lernen muss sichtbar gemacht werden – für Lehrende und Lernende gleichermassen. Lehrpersonen sollen den Unterricht «durch die Augen ihrer Schülerinnen und Schüler» sehen und auf dieser Basis Lernprozesse gezielt steuern. Dazu gehören klare Lernziele, ein wirksames Feedback und die Förderung von Kompetenzen, die es Lernenden ermög­lichen, ihr Lernen selbst zu steuern.

Hattie ist ein weltweit beachteter Bildungsforscher. Mit seinen Metaana­lysen – zusammengefasst in den Büchern «Visible Learning» (2009) und «Visible Learning – The Sequel» (2023) – hat er über 2100 Daten und mehr als 95000 Einzelstudien ausgewertet. Die untersuchten Bereiche umfassen die Lernenden, das Elternhaus, die Schule, das Curriculum, die Lehrperson sowie das Unterrichten. Das Ergebnis ist eine Übersicht über 400 Einflussgrössen auf den Lernerfolg von Kindern und Jugendlichen. 

Lernen mit- und voneinander
Bei seinem Besuch am Lyceum Alpinum Zuoz stand am Freitagnachmittag der Austausch von Erfahrungen im Fokus. Am Podium nahmen nebst John Hattie und Janet Clinton, Professorin für Evaluation an der University of Melbourne, auch Lehrpersonen und andere Vertreter der Bildungsbranche teil. Zu Beginn präsentierten zwei Lehrpersonen und ein Internatsleiter die Ergebnisse ihrer Projekte, die sie gemäss dem Konzept von «Visible Learning» während mehrerer Wochen mit einer Klasse oder einer Schülergruppe durchgeführt haben.

Der Mathematiklehrer testete den Ansatz des sozialen Lernens. Laut Hattie war der Kern schulischen Lernens schon immer die Zusammenarbeit und das Lernen mit und von anderen. Der Mathematiklehrer liess die Schülerinnen und Schüler also in Gruppen lernen –und stellte tatsächlich eine Verbesserung der Leistung fest. «Wie in einer Sportmannschaft hilft ein gemeinsames Ziel», so das Fazit von Hattie.

Das Unterrichten reflektieren
Die Sprachlehrerin legte den Fokus ihres Projekts auf konzentriertes Lernen. Sie stellte fest, dass sie ihre eigene Art des Unterrichtens reflektieren musste, um bessere Lernergebnisse zu erzielen. «Lehrpersonen müssen auch die Rolle von Lernenden einnehmen und sich immer wieder fragen: Bin ich auf dem richtigen Weg? Erreiche ich meine Ziele?», meinte Hattie zu diesem Beispiel.

Laut dem Bildungsforscher ist die treibende Kraft hinter Lernverbesserungen von Schülerinnen und Schülern die Lehrperson. Der Ansatz des reflektiven Unterrichtens verlangt von Lehrkräften, den Stand des Erlernten der Schülerinnen und Schüler festzustellen, Feedback zu geben und den Schwierigkeitsgrad anzupassen, sodass jeder Schüler und jede Schülerin angemessen herausgefordert wird. 

Levels wie im Computerspiel
Der Bildungsforscher hat festgestellt, dass Lernen von Herausforderung lebt. «Ohne Herausforderungen wird der Unterricht langweilig, und dann gibt es keinen Lernfortschritt.» Er verglich den Unterricht mit einem Computerspiel: «Bietet verschiedene Möglichkeiten an, um das nächste Level zu erreichen», so sein Ratschlag an die Lehrpersonen. Kinder und Jugendliche lernen seiner Ansicht nach nur gerne, wenn sie Fortschritte erzielen und diese auch sichtbar werden. «Die Aufgabe der Lehrperson ist es, den Schüler dort abzuholen, wo er gerade steht». 

Klare Lernziele formulieren
Gemäss den Forschungsergebnissen von Hattie hat die Klarheit einer Lehrperson starken Einfluss auf die Lernergebnisse der Schülerschaft. Zentral seien klar formulierte Lernziele und das Sicherstellen durch die Lehrperso, dass die Kinder und Jugendliche diese auch hören, verstehen und danach handeln. 

Der Leiter des Bubeninternats Spencer House setzte drei einfache Ziele für seine Schützlinge: Smartphones abends pünktlich abgeben, das Zimmer zur vereinbarten Zeit aufgeräumt haben und die Schultasche vor dem Schlafengehen gepackt haben. Mit klaren, sichtbaren und nachvollziehbaren Regeln konnten diese Ziele innerhalb von wenigen Wochen erreicht werden. 

«Lassen Sie uns mehr darauf achten, was Ihre Schülerinnen und Schüler denken», lautete der wiederholte Appell von Hattie an die Lehrerschaft und Schulverantwortlichen. Am Ende gehe es um die Frage, welche Praktiken den grösstmöglichen Lernerfolg hervorbringen. «Der einfachste Weg ist nicht immer der effizienteste.»