Zwei Bilder werden in der Aula der Kaufmännischen Berufsschule Oberengadin auf einer Leinwand projiziert: Der russische Präsident Wladimir Putin mit nacktem Oberkörper und einem Jagdgewehr in der Hand. Und ein noch wesentlich jüngerer Donald Trump neben seiner eleganten Frau Melanie in einem luxuriösen Penthouse, mit Söhnchen Baron auf einem grossen Plüschlöwen und Spielzeuglimousinen zu seinen Füssen. «Was verkörpert Putin auf diesem Foto?», fragt Martin Bühler in die Runde. Sofort schiessen Hände in die Höhe. «Er ist ein Kämpfer». «Er ist ein Machertyp». «Kraft». Der Regierungspräsident nickt bei diesen Antworten zustimmend. Dann zeigt er auf das Familienbild mit Trump. «Was strahlt er aus?». Auch hier kommen die Vorschläge aus der Klasse prompt: «Reichtum», «Luxus», «Macht». 

Die höchsten Machtinhaber der Welt haben laut dem Gastdozenten eins gemeinsam: Sie nutzen ihre Funktion, um ihre persönliche Position zu stärken. «Würde das in der Schweiz auch gehen?» Kopfschütteln im Raum. «Nein, wir leben andere Werte». «Wir sind neutral.» «Das Volk entscheidet mit». Und wieder nickt der Politiker zu den Aussagen: «Macht kann in der Schweiz nicht von einer einzelnen Person ausgeübt werden, die Verantwor­tung liegt auf vielen Schultern», sagt er. 

«Fühlt ihr euch sicher?»
Bevor Martin Bühler auf das politische System der Schweiz eingeht, zeigt er noch eine andere Folie, eine sogenannte «Risk Map». Darauf ist zu sehen , welche Länder 2026 als Risikogebiete eingestuft werden. Rot bedeutet «sehr gefährlich», grün «sicher». Es überrascht die Lernenden, dass nur sehr wenige Länder dunkelgrün sind, sogar die wenigsten westeuropäischen Länder. Die Schweiz allerdings ist «dunkelgrün» eingefärbt. «Fühlt ihr euch sicher in der Schweiz?», lautet die nächste Frage des Gastdozenten. Das Tenor in der Klasse lautet ja, allerdings führen die Jugendlichen Reiseeinschränkungen und negative wirtschaftliche Folgen aufgrund von internationalen Krisen und Kriegen auf. Ein junger Mann sagt auch: «Ich habe Angst vor der Atombombe.»

Was ist wichtiger: Eine sichere Schweiz zu bleiben, oder in einem grö­sseren Raum zu denken, um gegen Grossmächte wie Russland, China und USA bestehen zu können? «Das ist die Frage, mit der sich unser Land in den nächsten zwei Jahren politisch befassen muss», so Martin Bühler. 

Was ist Neutralität?
Klar sei, dass Europa derzeit stark unter Druck stehe. Und in diesem Kontext stelle sich die Neutralitätsfrage für die Schweiz. «Was ist Neutralität?», will Martin Bühler von den Jugendlichen wissen. «Bei Konflikten keine Position einnehmen», sagt ein Lernender. Der Regierungspräsident informiert die Klasse daraufhin, dass während des WEF in Davos zahlreiche Cyber-Angriffe unter anderem durch Russland auf nationale, kantonale und kommunale Systeme stattfanden. «Sind wir also in einem Konflikt verwickelt oder nicht?» Fakt sei: Die Schweiz wird aktuell ausspioniert und im Cyberraum angegriffen, und dies nicht von einem EU-Staat. «Wir sind nicht neutral, wir liefern Waffen und nehmen Menschen aus Krisengebieten in unser Land auf», ruft ein Lernender. Martin Bühler macht eine kurzen Exkurs in die Geschichte der Neutralität. Er erläutert die Geschehnisse ab der Invasion durch das napoleonische Frankreich von 1797 bis zum Wiener Kongress von 1815. «Die Geschichte lehrt uns, wie wichtig es ist, sich kritisch mit dem Konzept der Nichteinmischung auseinanderzusetzen», meint er.

Warum braucht es die Regierung?
Eine satirische Illustration mit einem Schweizer Kreuz, das nicht in die runde Öffnung der EU-Box passt, ist der Ausgangspunkt für die nächste Diskussion im Schulzimmer. «Unser politisches System tut sich schwer mit der EU, wieso, was zeichnet es aus?», fragt Martin Bühler. «Sieben Bundesräte», lautet die erste spontane Antwort. «Und dieses komplizierte Wort mit F», ergänzt jemand. «Föderalismus, genau», hilft der Gastdozent. In den nächsten Minuten erklärt er, welche Aufgaben der Bundesrat hat, wie National- und Ständerat aufgebaut sind, warum die Judikative nebst Exekutive und Legislative die dritte Säule des Systems ist, und wie die Initiative und das Referendum funktionieren.

Dann zeigt er ein Foto der Bündner Regierung: «Und warum braucht es die hier?» Stille im Raum. Der Regierungspräsident erklärt anhand von Beispielen, welche Aufgaben die Kantone wahrnehmen und wo die Gemeindeautonomie zum Zuge kommt. Einige wenige Lernende scheinen bereits gut informiert zu sein, für andere sind diese Ausführungen neu. «Ich bin ein grosser Fan der Gemeindepolitik, denn dort ist man den Menschen am nächsten», sagt der Regierungspräsident. 

Was bewegt die Jugendlichen?
Schliesslich möchte er von den Jugendlichen erfahren, zu welchen Themen sie eine Initiative starten würden. Diese beraten sich einen Moment und stellen dann ihre Themen mitsamt Argumentation vor. 1) Mehr Lohn für Lernende. «Weil wir ein echter Mehrwert für die Unternehmen sind». 2) Acht Wochen Ferien für Lernende. Weil eine Ungleichbehandlung der Schulsysteme bestehe, denn Mittelschulen hätten bis zu 13 Wochen Schulferien. 3) Legalisierung von Marihuana und eine stärkere Regulierung von hartem Alkohol. «Alkohol ist in der breiten Bevölkerung akzeptiert, obwohl er mehr Schaden anrichtet als leichte Drogen.» 

Die Doppellektion ist fast zu Ende. Die Jugendlichen, denen man oft eine kurze Aufmerksamkeitsspanne zuschreibt, haben während eineinhalb Stunden konzentriert zugehört und aktiv am Unterricht mitgewirkt. Am Schluss richtet Martin Bühler noch einen Appell an alle. «Politische Themen, die zur Entscheidung stehen, interessieren die Jungen nicht immer. Aber trotzdem möchte ich euch ermuntern, euch zu beteiligen». Auf Stufe Gemeinde könne man sich auch sehr schnell aktiv einbringen. «Nutzt ihr eure Mitbestim­mungs­möglichkeiten nicht, bestim­men andere über euch».