Es ist ein lauwarmer Frühlingsnachmittag Anfang April, als ich auf der Wiese unterhalb von Ramosch eintreffe, einem kleinen Ort im Unterengadin. Noch wirkt alles ruhig, doch in einer Woche wird sich dies ändern. Dann findet das Mazlas-Turnier statt. Heute treffen sich die Teilnehmenden zum Training.
Freundlich begrüsst werde ich von vier Einheimischen – Raffael Felix, Linard Paulmichl, Moreno Pardeller und Nutal Carpanetti nehmen mich auf ihrer Trainingsrunde mit, um mir das Spiel näherzubringen und damit ich mich selbst ausprobieren kann. Was beim Zuschauen als gut machbar erscheint, soll sich noch als eine ziemliche Herausforderung herausstellen.
Ein Parcours durch die Landschaft
«Mazlas» wurde vor über 2000 Jahren in Graubünden entwickelt und wird mit einem Schlagstock («Mazza») und einem Ball («Cula») gespielt. Ursprünglich bestand der Stock aus dem Stecken des Schneeballstrauches und einem Block aus hartem Holz, auch die Kugel war aus Holz. Heute wird mit Golfbällen und einem Schlagstock aus Fiberglas gespielt. Über eine Distanz von ungefähr vier Kilometern sind acht Ringe aus Sägemehl platziert, in denen der Ball eingelocht werden muss. Wem dies mit den wenigsten Schlägen gelingt, gewinnt.
Die ersten Bälle fliegen meist mehrere hundert Meter weit, während kurz vor dem Loch äusserst präzise gespielt werden muss, was laut den Einheimischen oftmals die grösste Herausforderung darstelle. Der Rekord auf der Strecke liegt bei 27. «Da muss alles perfekt laufen», lassen mich die Spieler wissen. «Wir benötigen eher zwischen 30 und 40 Schläge.» Damit sei man aber noch gut dabei.
Die Schwierigkeit des Spiels beginnt auf jeden Fall schon ganz zu Beginn beim Abschlag, wie ich selbst erfahre. Es sieht deutlich einfacher aus, den Ball zu treffen, als es tatsächlich ist. Fünf Fehlversuche sind erlaubt – danach zählt es als einen Schlag. Bei den Geübten kommt dies wohl aber eher selten vor. Für die vier Ramoscher steht das jährliche «Mazlas» seit ihrer Kindheit auf dem Programm. Erlernt haben die Männer das Spiel in der Schule oder auch vom Grossvater. Auch heute ist es ein Fest, das Jung und Alt vereint. Letztes Jahr war der älteste Teilnehmer 82 Jahre alt und die Jüngsten erst im Kindergarten.
Ein Wettkampf um Ruhm und Ehre
Nur während einer kurzen Zeit im Jahr kann die Wiese unterhalb des Dorfes für Trainings und den Anlass genutzt werden. Ab Mai ist das Gras zu hoch und der Platz wird für die Landwirtschaft genutzt. Da der Schnee vollständig geschmolzen ist, sind die vier Spieler guter Dinge, dass das «Mazlas da Ramosch» kommendes Wochenende durchgeführt werden kann.
Nebst der Festwirtschaft durch den Tag hindurch wird es am Abend eine After-Party geben – ein Grund, weshalb die Organisatorin, die «Giuventüna Ramosch» den Anlass vom Ostermontag auf einen Samstag verlegt hat. Morgens findet jeweils der Einzelwettkampf statt, nachmittags wird in Vierer-Teams um den Titel gerungen. Welcher Preis wird denn für den Sieg vergeben? Der Name des Siegers wird in einen Wanderpokal eingraviert. Gewisse Ambitionen unter den Einheimischen sind spürbar: «Ein Podestplatz wäre sehr schön – vor allem geht es aber um Ruhm und Ehre», sagt Raffael Felix.
Wo das Miteinander zählt
Obwohl es vor allem im Teamwettkampf bei schlechten Spielzügen zu Foppereien untereinander kommen kann, sei die Stimmung spätestens beim gemeinsamen Bier wieder gut. «Mazlas» ist seit einigen Jahren international geworden – auch Spielerinnen aus anderen Gemeinden und dem Ausland sind willkommen. Bis vor einigen Jahren war es nur den einheimischen Männern erlaubt, an dem Spiel teilzunehmen.
Als wir nach knapp drei Stunden wieder beim Anfangspunkt angelangen, ist die Stimmung mindestens genauso gut wie zu Beginn. Die hervorragende Gruppendynamik zeigt sich spätestens beim gemeinsamen Bällesuchen im Gebüsch, Moor oder unter Grashügeln. Es wird viel gewitzelt, gelacht und angeregt diskutiert – das Miteinander ist wohl der zentrale Aspekt des «Mazlas». Am Ende gewinnt Raffael Felix knapp die Runde – gespannt sind wir auf das Resultat am Wettkampftag. Auch ich wage mich zum Schluss noch einmal an ein paar weitere Schläge.
Obwohl meine ersten Versuche laut Rückmeldungen vielversprechend aussehen, treffe ich den Ball kaum. Um den Frust nicht allzu gross werden zu lassen, belasse ich es bei einem erfolgreichen Treffer und nehme mir vor, über das Jahr hinweg weiter zu üben, um nächstes Jahr vielleicht etwas zur Erhöhung der Frauenquote beitragen zu können. Zora Stifel
Zora Stifel studiert Sportwissenschaft in Bern und lebt in Langnau. Sporadisch arbeitet sie als Korrespondentin für die Wochen-Zeitung für das Emmental und Entlebuch. Dieser Artikel ist im Rahmen der EP-Serie "Brauch-Tausch" entstanden. Im Sommer nimmt die EP am Hornussen im Emmental teil.
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