Reto Crameri, was macht Sie besonders stolz, wenn Sie auf 95 Jahre Procap Grischun blicken?
Reto Crameri: Einerseits, dass es uns nach 95 Jahren immer noch gibt. Andererseits, dass wir so treue Mitglieder haben. Am vergangenen Wochenende durften wir 32 Mitglieder auszeichnen, die schon 25 Jahre dabei sind, jemand ist sogar seit 55 Jahren Mitglied. Die grosse Treue unserer Mitglieder zeigt, dass die Arbeit unserer Organisation geschätzt wird, und das über Jahrzehnte.
Wie hat sich die Rolle von Procap Grischun im Vergleich zur Gründerzeit verändert?
Grundlegend. Als man Procap Grischun als Sektion des Schweizerischen Invalidenverbands gegründet hat, gab es Inklusion, gesellschaftliche Teilhabe oder behindertengerechten Verkehr noch gar nicht. In 95 Jahren hat sich sehr viel getan – in der Gesellschaft, aber auch im Verständnis und im Umgang mit Menschen mit Behinderung. Am vergangenen Samstag haben wir zum dritten Mal den Procap-Inklusionspreis vergeben. Dieser geht an die Gemeinde Domat/Ems. Als wir dem Gemeindepräsidenten einen Pflasterstein übergaben, merkte dieser an, dass der Pflasterstein nicht behindertengerecht sei, weil die Oberfläche rau und nicht glatt sei. Das zeigt, auf welch hohem Niveau wir heute die Diskussionen führen.
Ist sich die Öffentlichkeit der Anliegen von Menschen mit Behinderung bewusst?
Ja, und sie nimmt Rücksicht darauf. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert, sicher auch durch unsere Arbeit.
Welche Meilensteine oder Wendepunkte waren prägend für Procap Grischun?
Betrachten wir die Geschichte, war die Gründung 1931 kurz nach der Wirtschaftskrise natürlich entscheidend. Es war eine Zeit, in der man nicht im Überfluss lebte und gut mit dem Geld haushalten musste. 1959 führten verschiedene Herausforderungen zum Austritt aus dem Dachverband und zur Gründung des Invalidenbundes Graubünden. Später, 1987, entstand im Kanton dann eine neue Sektion des Schweizerischen Invalidenverbands, 1993 wurden die beiden Organisationen dann wieder zusammengeführt. Die Kräfte zu bündeln, war ein wegweisender Entscheid.
Als die Organisation gegründet wurde, standen andere Prioritäten im Fokus als heute. Was war damals zentral, was steht heute im Mittelpunkt?
1931 wurden Menschen mit Behinderung ausgegrenzt. Man hatte kein Verständnis für Menschen, die anders waren. Da hat sich sehr viel getan in den letzten 95 Jahren. Heute geht es bei unserer Arbeit vor allem um die Integration von Menschen mit Behinderung, um gesellschaftliche Teilhabe. Im Bauwesen beispielsweise wird die Frage diskutiert, welche Massnahmen welche Auswirkungen für Menschen mit Behinderung haben.
Und welche Rolle spielt Procap Grischun konkret im Alltag von Menschen mit Behinderung?
Procap spielt heute vor allem in der Beratung eine zentrale Rolle. Wir haben ein Drei-Stufen-Modell in der Beratung. In der Erstberatung geht es zum Beispiel um eine niederschwellige Beratung in Sozialversicherungsfragen oder was bei einem Mietvertrag zu beachten ist oder andere einfache Fragen aus dem Alltag. In der Zweitberatung bieten wir die Sozialversicherungsberatung an. Und auf der dritten Stufe haben wir einen Anwalt oder eine Anwältin von Procap Grischun, welche bei rechtlichen Verfahren unterstützend zur Seite stehen. Sie setzen sich ein, wenn zum Beispiel rechtliche Schritte gegen IV-Entscheide einzuleiten sind, bei denen wir unsere Mitglieder rechtlich vertreten. Der Beratungsteil nimmt einen sehr grossen Teil unserer Arbeit in Anspruch. Dieser wird auch vom Kanton mitfinanziert.
Wo sehen Sie aktuell die grössten Baustellen in Bezug auf Inklusion in Graubünden?
Immer noch im Alltag. An der Mitgliederversammlung vom Samstag wurde diskutiert, welche Bahnhöfe oder Bushaltestellen behindertengerecht umgebaut wurden. Beim Bus-Terminal in Thusis fahren die Busse in alle Himmelsrichtungen, aber er ist immer noch nicht behindertengerecht umgebaut. Gewisse Inter City-Verbindungen von Chur in Richtung Zürich sind auch noch nicht behindertengerecht. Es gab aber auch Rückmeldungen, dass sich Mitglieder von uns in Gesundheitsinstitutionen nicht ernst genommen fühlen.
Graubünden ist ein Bergkanton. Die Herausforderungen bezüglich behindertengerechter Infrastruktur wird hier wesentlich grösser sein als in urbanen Gebieten?
In den letzten Jahren wurde viel modernisiert. Wichtige und stark frequentierte Bahnhöfe sind heute bereits barrierefrei zugänglich. Die Barrierefreiheit hängt heute stark auch von den Bushaltestellen ab, weil diese von Gemeinden gebaut und angepasst werden müssen. Gerade in ländlichen Regionen oder kleinen Dörfern sind Haltestellen manchmal noch nicht vollständig angepasst.
Graubünden ist ein Tourismuskanton. Wie sieht es in diesem Bereich mit Barrierefreiheit aus?
Ich kenne nicht alle touristischen Angebote im Kanton, aber auch da sehe ich Bestrebungen, um die Situation zu verbessern. Eine ganz wichtige Aufgabe haben Planerinnen und Planer. Wird etwas gebaut oder umgebaut, braucht es die Sensibilität für das Thema. Es gibt aber immer noch Orte, an denen Menschen mit Behinderungen nicht hingelangen, zum Beispiel können sie bei der Alp Grüm nicht aus dem Zug steigen. Solche Beispiele gehen einfach nicht, denn man findet immer Lösungen, aber man muss Hand dazu bieten.
Woran liegt es, dass an touristischen Orten nicht auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung eingegangen wird?
Wenn man nicht mit einer Behinderung leben muss oder damit konfrontiert wird, fallen einem die Hindernisse im Alltag auch nicht auf.
Ist das der Grund, warum die Gleichstellung immer noch nicht gegeben ist?
Das ist sicher mit ein Grund, aber nicht der einzige. Seit 2003 läuft die Übergangsfrist im öffentlichen Verkehr für die Umstellung der Infrastruktur, damit Menschen mit Behinderung den öffentlichen Verkehr autonom nutzen können. Man hatte über 20 Jahre Zeit für die Realisierung. Zum Teil hat man zugewartet und der Angelegenheit keine hohe Priorität beigemessen. In der Schweiz dauern die Planungs- und Bewilligungsprozesse zudem sehr lange, und natürlich muss auch die Finanzierung gewährleistet werden. Die Umbauten sind ja nicht gratis.
Wo soll Procap Grischun in zehn Jahren stehen?
In zehn Jahren sollte Procap weiterhin eine Organisation sein, die viele Mitglieder hat, solide finanziert ist und ihre Beratungsleistung in der gewohnt hohen Qualität weiterhin anbieten kann. Vielleicht kann man diese sogar noch ausbauen. Dafür sind wir aber auf Geld der öffentlichen Hand oder von Spenderinnen und Spendern angewiesen. In zehn Jahren wollen wir eine Organisation sein, die ihre Mitglieder in Sozialversicherungsfragen berät, damit sie möglichst selbstbestimmt leben können, und die weiterhin tolle Anlässe für ihre Mitglieder veranstaltet. Wir sind eine Selbsthilfeorganisation, das heisst, bei uns ist man Mitglied und profitiert von unseren Angeboten. Was die gesellschaftliche Integration betrifft, werden wir in zehn Jahren noch nicht dort sein, wo wir hinwollen. Aber ich denke, wir werden einen grossen Schritt weiter sein.
Welche gesellschaftlichen und politischen Veränderungen wären notwendig, damit Inklusion in Graubünden selbstverständlich wird?
Politisch braucht es eine grosse Hartnäckigkeit, was die Sensibilität anbelangt. Die politischen Verantwortungsträger müssen sich bewusst werden, welche Aufgabe sie von Gesetzes wegen haben. Aber auch in der Privatwirtschaft braucht es Sensibilität, zum Beispiel beim behindertengerechten Bauen. Bis jetzt haben wir den Inklusionspreis drei Gemeinden übergeben. Wir möchten den nun auch für private Unternehmungen öffnen. Alle sprechen von Nachhaltigkeit und meinen damit vor allem die ökologische Nachhaltigkeit. Aber es gibt auch die gesellschaftliche Nachhaltigkeit.
Was meinen Sie damit?
Wir wollen soziale Nachhaltigkeit fördern. Menschen mit beschränkten Möglichkeiten soll ebenfalls die Gelegenheit geboten werden, zu arbeiten und sich weiterzuentwickeln. Jene Menschen, die in der Arbeitswelt integriert sind, können selbstbestimmt für sich sorgen. Auch das ist Nachhaltigkeit. Wir wollen Unternehmen motivieren, bei uns Mitglied zu werden. Unsere Organisation lebt von den Mitgliedern. Darum ist es wichtig, Bekanntheit zu erlangen. Im Hinblick auf die Regierungsratswahlen werden wir zusammen mit Pro Infirmis eine grosse Podiumsdiskussion zu diesem Thema organisieren. Wir wollen den Kandidatinnen und Kandidaten auf den Zahn fühlen, welche Berührungspunkte sie mit Menschen mit Behinderung haben und wie sie sich für diese einsetzen wollen.
Warum setzen Sie sich für Procap Grischun ein?
Weil ich überzeugt bin, dass Menschen mit Behinderung ein Teil unserer Gesellschaft sind, eine Bereicherung. Jedem Menschen gebührt Respekt und die Behandlung auf Augenhöhe, und jeder soll vollständig in unsere Gesellschaft integriert werden. Für mich ist es eine tiefe innere Überzeugung, mich für Menschen mit Behinderung einzusetzen.




Diskutieren Sie mit
Login, um Kommentar zu schreiben