Fabia Niggli hat soeben eine Klausur in Biologie geschrieben, jetzt sitzt sie entspannt im Foyer der Academia Engiadina in Samedan. Die Maturandin hat ihre gesamte gymnasiale Zeit in diesem Gebäude verbracht. Im Sommer beginnt für die junge Frau ein neuer Lebensabschnitt. «Mit dem Schreiben eines Buchs?» Diese Frage bringt die Engadinerin zum Lachen. «Wer weiss?» Das Schreiben sei für sie bisher immer mit Schule verbunden gewesen. Tagebuch schreibe sie nicht, und auch sonst habe sie lediglich Texte verfasst, wenn Aufsätze oder Gedichte gefragt waren. «Das ist mir aber immer leicht gefallen», sagt sie.
In der Schule ist Fabia Niggli auch auf den Wedekind-Preis aufmerksam geworden. Der Deutschlehrer habe die Klasse dazu animiert, an diesem Literaturwettbewerb teilzunehmen. «Erst kurz vor Abgabefrist habe ich spontan beschlossen, mitzumachen», erzählt sie. «Ich mach nicht mehr mit», lautete das Thema, das Fabia Niggli zum Schreiben inspirierte. Sie schrieb ihren Text in einem Guss.
Eine ehrliche Auseinandersetzung
Für ihre Maturaarbeit hat die Gymnasiastin ein Drehbuch zum Thema Jugendprobleme geschrieben. Das dort Erarbeitete konnte sie in ihren Text einflechten. So entstand ein eindringlicher Essay über die Innenwelt einer Jugendlichen. «Normalerweise habe ich den Hang, etwas kitschig zu schreiben», so die Autorin. In diesem Fall aber wirkt der Text schnörkel-, fast schonungslos – wie ein Seelenstriptease.
Die Jury bezeichnete den Text von Fabia Niggli als «eine direkte und ehrliche Auseinandersetzung mit Druck und den Herausforderungen in der Gymnasialzeit».
Aus Sicht der jungen Generation
Die Atmosphäre im Saal, in dem ihr Wettbewerbstext präsentiert wurde, beschreibt die Autorin als familiär, mit allen Teilnehmenden und ihren Angehörigen. Fabia Nigglis Mutter und ihr Freund waren ebenfalls angereist, um sie zu unterstützen. «Zuerst fühlte ich mich etwas fehl am Platz, denn bei der Vorstellungsrunde stellte ich fest, dass sich alle in ihrer Freizeit vor allem dem Schreiben widmen», erzählt die Engadinerin. Sie hingegen sei Hobbysportlerin. Nach einem Zwischenjahr, in dem sie arbeiten und reisen möchte, erwägt sie, ein Sportstudium zu beginnen oder Filmregie zu studieren.
Dass sie den Wedekind-Publikumspreis gewonnen hat, überraschte Fabia Niggli. «Ich habe zwar beim Vorlesen meines Textes gemerkt, dass alle sehr aufmerksam zuhörten, vor allem die Eltern.» Eine Botschaft habe sie mit ihrem Text nicht vermitteln wollen, aber die Sichtweise der jungen Generation aufzeigen. Der Publikumspreis sei für sie auf jeden Fall eine Motivation, um weiterzuschreiben – auch ohne schulischen Auftrag.
Den Siegerbeitrag stellt Fabia Niggli der EP-Leserschaft zur Verfügung:
«Ich mache nicht mehr mit …»
Ich bin hier und frage mich, was ich hier eigentlich tue. Was das alles soll. Wer ich bin und ob das, was ich jeden Tag mache, überhaupt Sinn ergibt. Ich funktioniere, rede und lache immer. Und trotzdem tobt in mir ein Chaos aus Fragen, Erwartungen und Sorgen. Oft frage ich mich, ob es anderen genauso geht. Ob irgendjemand wirklich versteht, was es heisst, heute jung zu sein. In einer Welt, in der alles schneller, lauter und schöner sein muss, während du versuchst, mitzuhalten, ohne unterzugehen.
Und während du mithältst, verändert sich dein Körper. Plötzlich wächst da etwas oder schrumpft. Zu viele Pickel, zu wenig Muskeln, zu viel Bauch, zu wenig Taille. Blicke, Vergleiche, von aussen und von dir selbst. Du stehst vorm Spiegel und suchst nach der Version von dir, die endlich «okay» ist. Und als wäre das nicht genug, gibt es da diesen riesigen Teil unseres Lebens, der sich Schule nennt. Wahrscheinlich der Teil, der am meisten Kraft raubt. Ich weiss nicht, was mich damals geritten hat, noch länger in die Schule zu gehen. Gymnasium. Klingt schön auf dem Papier, nach Möglichkeiten und nach Zukunft. Aber in Wirklichkeit zieht sich jeder Tag wie Kaugummi. Stunden, in denen du Informationen in deinen Kopf stopfst, obwohl da kaum noch Platz ist. Und zu Hause warten schon Hausaufgaben, Prüfungen und Projekte. Woche für Woche. Ohne Pause. Nur Druck. Nur Erwartungen. Ständig der Gedanke: Du darfst nicht versagen. Sechs Jahre lang.
Und wenn du’s überstehst, hältst du ein Papier in der Hand, einen Abschluss, und bist innerlich leer. Dazu kommen Hobbys, Wettkämpfe, Trainings, Auftritte und Verantwortung. Und weil du kein Geld verdienst, musst du nebenbei noch arbeiten. Und trotzdem sagt jeder: «Du hast dich ja selbst dafür entschieden.» Als wäre das irgendeine Rechtfertigung für all den Druck, der auf dir lastet.
Wenn du mal sagst, dass es dir zu viel wird, dass du nicht mehr kannst, kommt oft nur ein müdes Lächeln von den Erwachsenen: «Wenn du das schon nicht schaffst, wie willst du dann das richtige Leben bestehen?» Genau das, was man hören will, wenn man eh schon knapp dran ist. Als wäre das hier nicht das echte Leben. Als wäre das, was wir fühlen, denken, erleben, weniger wert.
Und dann ist da noch die Welt. Die Realität ausserhalb von Schule, Alltag und Freundeskreis. Brennende Wälder, Menschen auf der Flucht, Ungerechtigkeit, die so tief sitzt, dass man kaum hinsehen kann. Du bist 16 oder 17, schaust Nachrichten, scrollst durch Beiträge, hörst Gespräche über Politik oder Katastrophen und denkst: Was soll ich da ausrichten? Du willst Verantwortung übernehmen, fühlst dich aber klein und machtlos. Dieses Gefühl kann schwerer wiegen als jede Schulnote.
Und dann ist da noch diese wunderschöne, grausame Parallelwelt namens Social Media. Wo alle lächeln, glücklich sind, alle wunderschön und erfolgreich. Jeder zeigt nur seine beste Seite, und du selbst fühlst dich falsch. Unvollständig. Nicht genug. Obwohl dir jeder sagt, man soll sich nicht vergleichen, tun wir es doch. Immer. Unbewusst. Und es zerfrisst dich langsam. Streit, Herzschmerz, du siehst alles in Storys, Reposts, Captions. Ohne Worte und trotzdem laut. Und dann ist da noch Cybermobbing. Menschen, die dir schreiben, dass du nichts wert bist. Anonym und feige, aber brutal ehrlich. Worte, die wie Nadeln stechen und nicht so leicht verschwinden. Sie brennen sich in deinen Kopf.
Und ja, reden wir doch auch noch über Drogen. Nicht nur Alkohol und Zigaretten. Nein, heute sind es Vapes, Snus, Nikotinbeutel und Schnupf. Jugendliche, die sich ein Beutelchen unter die Lippe schieben, weil sie denken, das macht sie cool. Weil alle es machen. Und weil keiner wirklich weiss, was das mit dem Körper macht. Aber hey – Hauptsache, dazugehören. Hauptsache, irgendwas fühlen. Hauptsache, irgendwas betäuben.
Und mitten in all dem Stress ist da manchmal dieses Gefühl: Du willst etwas machen, das wirklich deins ist. Zeichnen, Texte schreiben, Musik, Bewegung, egal was, Hauptsache, es gehört nur dir. Nicht für Likes, nicht für Noten. Sondern damit du nicht innerlich auseinanderfällst. Es ist kein Hobby. Es ist das, was dich aufrecht hält. Manche nennen das jugendliche Rebellion. Für dich ist es Rettung.
Freundschaft, dieses grosse Wort, ist ein zweischneidiges Schwert. Manche Freunde bleiben für immer, sind die, auf die du zählen kannst. Aber viele sind nur da, wenn sie etwas brauchen. Dann merkst du, wer wirklich bleibt und wer nur zugeschaut hat, wie du fällst. Freunde kommen und gehen. Manche verschwinden leise, andere reissen dir ein Stück von dir selbst heraus, wenn sie dich verlassen. Und es sind nicht nur Freunde. Partner, die dir das Herz zum Fliegen bringen und es dir dann in Stücken zurückwerfen. Du sitzt da, voller Schmerz, und tust trotzdem so, als wäre alles okay, weil niemand Zeit hat, wirklich hinzuschauen.
Und Probleme zu Hause? Jeder trägt seine eigene Geschichte. Laut oder leise und sie macht alles noch schwerer.
Und mittendrin sollst du einfach weiterlaufen. Funktionieren. Jeden Tag. Aufstehen, lächeln, leisten. Gut aussehen, damit du nicht auffällst. Gute Noten schreiben, damit dich niemand infrage stellt. Gut drauf sein, weil Schwäche keinen Platz hat. Immer da sein, für Schule, Freunde, Familie. Für Träume, die manchmal gar nicht deine sind. Du gibst alles. Immer. Für jeden. Aber was, wenn du einfach mal leben willst? Nicht im Takt der Stundenpläne. Nicht unter der Last der Erwartungen. Sondern echt. Frei. Ohne Ziel, ohne Zweck. Nur atmen. Nur fühlen. Nur sein. Nicht perfekt. Nicht stark. Einfach du, mit all dem Chaos, der Müdigkeit, der Sehnsucht nach einem Leben, das sich nicht anfühlt wie Überleben.
Jugendlich zu sein, das klingt so leicht. So frei. Aber es ist verdammt hart. Ständig kämpfen, ohne zu wissen, wofür. Niemand versteht dich wirklich, nicht mal du selbst. Trotzdem machst du weiter. Jeden Tag. Weil du musst.
Es ist schön. Es ist wild. Es ist laut. Aber es ist auch grauenhaft. Und manchmal will man einfach nur Pause drücken.
Den Siegerbeitrag stellt Fabia Niggli der EP-Leserschaft zur Verfügung:
«Ich mache nicht mehr mit …»
Ich bin hier und frage mich, was ich hier eigentlich tue. Was das alles soll. Wer ich bin und ob das, was ich jeden Tag mache, überhaupt Sinn ergibt. Ich funktioniere, rede und lache immer. Und trotzdem tobt in mir ein Chaos aus Fragen, Erwartungen und Sorgen. Oft frage ich mich, ob es anderen genauso geht. Ob irgendjemand wirklich versteht, was es heisst, heute jung zu sein. In einer Welt, in der alles schneller, lauter und schöner sein muss, während du versuchst, mitzuhalten, ohne unterzugehen.
Und während du mithältst, verändert sich dein Körper. Plötzlich wächst da etwas oder schrumpft. Zu viele Pickel, zu wenig Muskeln, zu viel Bauch, zu wenig Taille. Blicke, Vergleiche, von aussen und von dir selbst. Du stehst vorm Spiegel und suchst nach der Version von dir, die endlich «okay» ist. Und als wäre das nicht genug, gibt es da diesen riesigen Teil unseres Lebens, der sich Schule nennt. Wahrscheinlich der Teil, der am meisten Kraft raubt. Ich weiss nicht, was mich damals geritten hat, noch länger in die Schule zu gehen. Gymnasium. Klingt schön auf dem Papier, nach Möglichkeiten und nach Zukunft. Aber in Wirklichkeit zieht sich jeder Tag wie Kaugummi. Stunden, in denen du Informationen in deinen Kopf stopfst, obwohl da kaum noch Platz ist. Und zu Hause warten schon Hausaufgaben, Prüfungen und Projekte. Woche für Woche. Ohne Pause. Nur Druck. Nur Erwartungen. Ständig der Gedanke: Du darfst nicht versagen. Sechs Jahre lang.
Und wenn du’s überstehst, hältst du ein Papier in der Hand, einen Abschluss, und bist innerlich leer. Dazu kommen Hobbys, Wettkämpfe, Trainings, Auftritte und Verantwortung. Und weil du kein Geld verdienst, musst du nebenbei noch arbeiten. Und trotzdem sagt jeder: «Du hast dich ja selbst dafür entschieden.» Als wäre das irgendeine Rechtfertigung für all den Druck, der auf dir lastet.
Wenn du mal sagst, dass es dir zu viel wird, dass du nicht mehr kannst, kommt oft nur ein müdes Lächeln von den Erwachsenen: «Wenn du das schon nicht schaffst, wie willst du dann das richtige Leben bestehen?» Genau das, was man hören will, wenn man eh schon knapp dran ist. Als wäre das hier nicht das echte Leben. Als wäre das, was wir fühlen, denken, erleben, weniger wert.
Und dann ist da noch die Welt. Die Realität ausserhalb von Schule, Alltag und Freundeskreis. Brennende Wälder, Menschen auf der Flucht, Ungerechtigkeit, die so tief sitzt, dass man kaum hinsehen kann. Du bist 16 oder 17, schaust Nachrichten, scrollst durch Beiträge, hörst Gespräche über Politik oder Katastrophen und denkst: Was soll ich da ausrichten? Du willst Verantwortung übernehmen, fühlst dich aber klein und machtlos. Dieses Gefühl kann schwerer wiegen als jede Schulnote.
Und dann ist da noch diese wunderschöne, grausame Parallelwelt namens Social Media. Wo alle lächeln, glücklich sind, alle wunderschön und erfolgreich. Jeder zeigt nur seine beste Seite, und du selbst fühlst dich falsch. Unvollständig. Nicht genug. Obwohl dir jeder sagt, man soll sich nicht vergleichen, tun wir es doch. Immer. Unbewusst. Und es zerfrisst dich langsam. Streit, Herzschmerz, du siehst alles in Storys, Reposts, Captions. Ohne Worte und trotzdem laut. Und dann ist da noch Cybermobbing. Menschen, die dir schreiben, dass du nichts wert bist. Anonym und feige, aber brutal ehrlich. Worte, die wie Nadeln stechen und nicht so leicht verschwinden. Sie brennen sich in deinen Kopf.
Und ja, reden wir doch auch noch über Drogen. Nicht nur Alkohol und Zigaretten. Nein, heute sind es Vapes, Snus, Nikotinbeutel und Schnupf. Jugendliche, die sich ein Beutelchen unter die Lippe schieben, weil sie denken, das macht sie cool. Weil alle es machen. Und weil keiner wirklich weiss, was das mit dem Körper macht. Aber hey – Hauptsache, dazugehören. Hauptsache, irgendwas fühlen. Hauptsache, irgendwas betäuben.
Und mitten in all dem Stress ist da manchmal dieses Gefühl: Du willst etwas machen, das wirklich deins ist. Zeichnen, Texte schreiben, Musik, Bewegung, egal was, Hauptsache, es gehört nur dir. Nicht für Likes, nicht für Noten. Sondern damit du nicht innerlich auseinanderfällst. Es ist kein Hobby. Es ist das, was dich aufrecht hält. Manche nennen das jugendliche Rebellion. Für dich ist es Rettung.
Freundschaft, dieses grosse Wort, ist ein zweischneidiges Schwert. Manche Freunde bleiben für immer, sind die, auf die du zählen kannst. Aber viele sind nur da, wenn sie etwas brauchen. Dann merkst du, wer wirklich bleibt und wer nur zugeschaut hat, wie du fällst. Freunde kommen und gehen. Manche verschwinden leise, andere reissen dir ein Stück von dir selbst heraus, wenn sie dich verlassen. Und es sind nicht nur Freunde. Partner, die dir das Herz zum Fliegen bringen und es dir dann in Stücken zurückwerfen. Du sitzt da, voller Schmerz, und tust trotzdem so, als wäre alles okay, weil niemand Zeit hat, wirklich hinzuschauen.
Und Probleme zu Hause? Jeder trägt seine eigene Geschichte. Laut oder leise und sie macht alles noch schwerer.
Und mittendrin sollst du einfach weiterlaufen. Funktionieren. Jeden Tag. Aufstehen, lächeln, leisten. Gut aussehen, damit du nicht auffällst. Gute Noten schreiben, damit dich niemand infrage stellt. Gut drauf sein, weil Schwäche keinen Platz hat. Immer da sein, für Schule, Freunde, Familie. Für Träume, die manchmal gar nicht deine sind. Du gibst alles. Immer. Für jeden. Aber was, wenn du einfach mal leben willst? Nicht im Takt der Stundenpläne. Nicht unter der Last der Erwartungen. Sondern echt. Frei. Ohne Ziel, ohne Zweck. Nur atmen. Nur fühlen. Nur sein. Nicht perfekt. Nicht stark. Einfach du, mit all dem Chaos, der Müdigkeit, der Sehnsucht nach einem Leben, das sich nicht anfühlt wie Überleben.
Jugendlich zu sein, das klingt so leicht. So frei. Aber es ist verdammt hart. Ständig kämpfen, ohne zu wissen, wofür. Niemand versteht dich wirklich, nicht mal du selbst. Trotzdem machst du weiter. Jeden Tag. Weil du musst.
Es ist schön. Es ist wild. Es ist laut. Aber es ist auch grauenhaft. Und manchmal will man einfach nur Pause drücken.




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