Noch viel Potenzial vorhanden
«Der Druck von zuhause war für uns gross, weil unsere Eltern das Beste für uns wollten. Das Schulsystem in Portugal ist ein anderes, und sie wünschten sich für uns eine bessere Zukunft als ihre eigene», so Patrick Barros. Er ist in Celerina aufgewachsen und ist heute Primarlehrer und Fotograf. Er betonte, dass Integration von beiden Seiten ausgehen müsse. Immer wieder sei er auf Situationen gestossen, in denen das Interesse an Integration nicht auf beiden Seiten gleich stark vorhanden gewesen sei – obwohl von schulischer Seite sehr viel dafür getan werde.
Lucas Batista erzählte, dass seine Eltern die Briefe der Lehrer in der Primarschule nicht verstanden haben oder er während der Elterngespräche jeweils übersetzen musste. «Das hatte durchaus Vorteile, denn alles habe ich dann nicht übersetzt», meinte er und erntete dafür Lacher. An der Schule in La Punt sei er der einzige Portugiese gewesen. Früh habe er durch diese Situation eine gewisse Selbstständigkeit entwickelt. «Ich musste selber schauen, dass ich klarkomme.»
Diese Erfahrung hat auch André Cerqueira gemacht. Anders als seine beiden Kollegen ist er nicht im Engadin, sondern in Rhäzüns aufgewachsen. «Meine Eltern kannten das Schweizer Schulsystem nicht und hatten wenig Ahnung, was ich in der Schule überhaupt mache», sagte er. Doch alle drei jungen Männer betonten: Ihnen habe es in der Familie an nichts gefehlt. Die Eltern seien hinter ihnen gestanden. Auch dann, als es um die Ausbildung ging. «Für meine Eltern war einfach wichtig, dass ich zu Ende bringe, was ich anfange», so Lucas Batista.
Erfolg ist, Freude am Leben zu haben
Patrick Barros machte zuerst eine Lehre als Montageelektriker, wurde später Elektroinstallateur, absolvierte die technische BMS. Daraufhin ging er in den Vorkurs der Pädagogischen Hochschule Graubünden, machte anschliessend die Ausbildung zum Primarlehrer und kehrte ins Engadin zurück, um in Samedan zu unterrichten. Heute ist er an der Scola bilingua in Chur tätig, parallel dazu hat er ein eigenes Unternehmen als Fotograf aufgebaut. «Wenn man mich jetzt fragt, was für mich Erfolg bedeutet, lautet meine Antwort: Jeden Morgen aufstehen zu können und das zu tun, woran ich Freude habe», sagte er. Auch André Cerqueira hat verschiedene Hürden genommen, um dort anzukommen, wo er laut eigenen Aussagen hingehört. Er hat eine Lehre als Zeichner Architektur EFZ gemacht, dann die gestalterische Berufsmatura und nach einem Praktikum beim Radio entschied er sich für das Studium Multimedia Production an der Fachhochschule Graubünden in Chur. Den Bachelor möchte er 2028 in der Tasche haben. «Multimedia Production ist genau meins, dort kann ich meine Kreativität ausleben», sagte er.
Lucas Batista ist ungern zur Schule gegangen und war auch in der Lehre als Elektroinstallateur nicht glücklich. Er machte aber die technische Berufsmaturität und sammelte dann zunächst Berufserfahrung. «Ich spreche mehrere Sprachen und habe ein Talent für Kommunikation, das wurde mir aber erst bei einem Aufenthalt in Miami bewusst», erzählte er. So kam er zurück, kündigte sofort und startete ein Praktikum bei RTR. Inzwischen hat er den Bachelor of Science in Multimedia Production, ist selbständig, leitet noch Kurse für Menschen mit Behinderung, arbeitet beim Radio und als Elektriker. «Mein Traumjob war mal, Profi-Fussballer zu werden», meinte er augenzwinkernd. Sein Tipp für die Jugendlichen im Raum lautete: «Findet heraus, worin ihr gut seid, riskiert neue Wege, lasst euch nie entmutigen.»
Die Werdegänge der drei jungen Männer zeigen gut auf, wie komplex und durchlässig das Schweizer Bildungssystem ist, und dass es viele Wege gibt, um an ein Ziel zu gelangen. «Ob man die Real- oder Sekundarschule besucht hat, ist völlig egal. Wichtig ist, was man mit seinem Leben danach macht», so Patrick Barros. Sich als junger Mensch mit anderen zu vergleichen, sei falsch. «Am Schluss sieht Erfolg für jeden und jede anders aus.» Oft müsse man dafür zuerst an einem anderen Ort beginnen.
Viele Eltern wüssten nicht, dass man auch auf dem Berufsweg weiterkommen könne und es unzählige Möglichkeiten für Weiterbildungen oder berufliche Neuorientierungen gebe. «Auch Scheitern gehört zur Entwicklung dazu», meinte der Lehrer. Eine Ausbildung abzubrechen, sei gerade für portugiesische Familien immer noch ein No-Go, dabei wäre Unterstützung gerade dann wichtig, wenn der Sohn oder die Tochter merkt, dass es für ihn oder sie nicht stimmt. «Unsere Eltern haben zum Teil sehr wenig Bildung und mussten früh arbeiten gehen, das Verständnis für ‹Bequemlichkeiten› ist nicht vorhanden», so Patrick Barros.
Oft scheitert es an Information
Ein Ziel der Präsentation wäre gewesen, den portugiesischen Eltern im Tal das Schweizer Bildungssystem nahezubringen. Doch im Publikum sassen diese nicht. «Das ist schade, denn die berufliche Entscheidung sollten Jugendliche gemeinsam mit ihren Eltern und dem Umfeld treffen», sagte er. Es sei wichtig, die Bildungsmöglichkeiten zu kennen, denn nur so sei Unterstützung möglich. «Oft scheitert es nämlich schon an der Information.»
Die drei Referenten sehen die Herausforderung vor allem darin, die portugiesischen Eltern besser zu erreichen. Eine mögliche Idee wäre, solche Informationen vermehrt im Rahmen von Anlässen portugiesischer Vereine zu vermitteln, wo die Zielgruppe bereits präsent ist. «Wir bleiben am Ball», versprachen sie.







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